Kardinal Woelki, ist Albanien ein sicheres Herkunftsland?
Mein Eindruck ist, dass hier keine Menschen aus politischen Gründen verfolgt werden. Es gibt viel Armut und große Not, aber aufs Ganze gesehen, glaube ich sagen zu können, dass dieses Land politisch sicher ist - abgesehen vielleicht von wenigen Einzelfällen.

Wie geht es aus Ihrer Wahrnehmung heraus den Menschen?
Es ist festzustellen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Albanien massiv auseinandergeht. Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die sehr gut lebt, und denen es sehr gut geht. Das sind die Menschen, die oft schon in kommunistischer Zeit in Verantwortung waren, und die sich nun neu aufgestellt haben. Sie haben sich vor allem durch Korruption ein System geschaffen, das sie bereichert, während der größte Teil der Menschen in bitterer Armut lebt. In eigentlich jeder Altersgruppe gibt es hier die Überzeugung, dass man kaum eine Perspektive hat. Die Arbeitslosigkeit ist offiziell bei 20 bis 30 Prozent, inoffiziell schwankt sie in manchen Regionen zwischen 60 und 70 Prozent. Es fehlt ein Mittelstand, es fehlen Ausbildungen in Handwerks- und Dienstleistungsberufen. Es wird sehr nötig sein, hier an sozialen und gerechten Strukturen zu arbeiten, auch seitens der EU.

Haben Sie Menschen sprechen können, die aus Deutschland abgeschoben wurden?
Ja, diese Menschen haben wir gesprochen. Und der eine oder andere hat uns auch gesagt, dass er versuchen will, erneut nach Deutschland einzureisen, weil er für sich in Albanien keine Perspektive sieht. Ich denke, das ist ernst zu nehmen: Die Menschen tun das nicht aus bösem Willen oder aus Schmarotzertum. Ihre Perspektive ist so aussichtslos, dass sie für sich keine andere Wahl sehen, um zu überleben. Gleichzeitig muss man feststellen: Gerade auch gut ausgebildete Menschen aus Albanien wollen das Land verlassen.

Was macht die katholische Kirche für die Menschen in Albanien?
Wir sind hier über unsere Caritas in verschiedenen Bereichen aktiv: Wir setzen uns zum Beispiel für eine neue Orientierung am Gemeinwohl und gegen die Entsolidarisierung der Gesellschaft ein. Durch die starke Betonung des Individuums ist es in den letzten Jahren dazu gekommen, dass viele Menschen denken: "Hauptsache, ich komme durch, Hauptsache, mir geht es gut." Das wollen wir ändern. Und daneben investieren wir etwa in die Ausbildung junger Menschen und betreiben Heime für Kinder oder Menschen mit einem Handicap.

Mit Rainer Maria

Kardinal Woelki

sprach Benjamin Lassiwe