Als der Ex-Serbenführer zu einer stundenlangen Verteidigungsrede ausholt, wirkt er eher wie ein Geschichtsprofessor, der die Welt über ein paar bedauerliche, allerdings bislang von vielen, unter ihnen die Staatsanwälte, falsch beurteilte Entwicklungen auf dem Balkan aufklärt. "Alles, was wir Serben getan haben, war, uns zu verteidigen", hält er dem Gericht mit fester Stimme auf serbokroatisch entgegen. Manchmal spricht er so schnell, dass die Simultandolmetscher zu Höchstleistungen auflaufen müssen. Karadzic beherrscht die englische Sprache bestens, aber er besteht auf Übersetzung. Das Gericht soll die Sprache seiner stolzen Nation hören, der Serben, die "in Bosnien jahrhundertelang unterdrückt wurden". Und daheim, wo seine Worte im Original zu hören sind, soll klar werden: Hier steht einer von uns vor Gericht. Einer, der nichts weiter getan hat, als sein Volk gegen eine Verschwörung bosnischer Muslime und Kroaten mit der Nato zu beschützen, die einzig und allein Machtinteressen des Westens verfolgt habe. Ein serbischer Held.Klar, das alles was der amerikanische Ankläger Alan Tieger und die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff mit ihrem Team gegen ihn zusammengetragen haben, all die Zehntausenden von Seiten an Beweismaterial, nichts weiter als eine "Fabrikation" ist. Hauptziel der Staatsanwaltschaft sei es, "dieses Tribunal zu einem Disziplinierungsinstrument der Nato für mich zu machen". Dieser entschlossene, kultivierte, in Dosierungen auch mal wütend wirkende Mann soll der Hauptverantwortliche für das Massaker an rund 8000 Muslimen in Srebrenica, mithin für die schlimmsten Massenmord in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sein? Karadzic soll als politischer Führer der bosnischen Serben auch die monatelange mörderische Belagerung der einstigen Olympiastadt Sarajevo angeordnet haben. Er soll die Ermordung von Kindern, Frauen und Männern in Sarajevo durch Heckenschützen von den umliegenden Bergen aus gebilligt haben.Langer Prozess erwartetDoch was immer man Radovan Karadzic vorhält, in seiner Argumentationskette wurden Serben stets durch andere und stets im Selbstschutz zu Gewalttaten gezwungen. Das und auch die Schuld der Nato, die indirekte Mitschuld von Ländern wie Deutschland, die voreilig ehemalige Teilrepubliken Jugoslawiens diplomatisch anerkannt und damit die Spannungen nur noch geschürt hätten, werde er "lückenlos beweisen". Kann er das? Fest steht nur: Der Prozess wird sich viele Monate hinziehen. Und es werden Sachverhalte zur Sprache kommen, die auch für die Nato möglicherweise peinlich oder zumindest nicht ganz einfach zu erklären sein dürften.Anklage mit ProblemenOb der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon aus Südkorea am Ende zu dem Schluss kommt, die Anklage habe hinreichend bewiesen, dass Karadzic wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden muss, schien zumindest an diesem Montag im Saal 1 des Jugoslawien-Tribunals offen. Auch die Beweisführung der Staatsanwaltschaft, wenngleich eher an konkreten persönlichen Schuldvorwürfen als an großen historischen Zusammenhängen orientiert, machte nicht immer den Eindruck vollkommen schlüssig zu sein.Karadzic hingegen redet sich gelegentlich in Argumentationen hinein, die das Gericht kaum als Stärkung seiner Glaubwürdigkeit bewerten dürfte. Sein Rundumschlag gegen die Feinde der Serben lässt fast niemanden aus. Die Aussagen internationaler Helfer? Das waren doch alles Agenten. Bilder und Videos von Opfern serbischer Gräueltaten? Alles manipuliert. Zu Skeletten abgemagerte gefangene Bosnier? Das seien Menschen gewesen, die "halt von Stacheldraht umgeben, ansonsten aber frei waren". Und überhaupt: "Meine Version ist viel glaubwürdiger als die der Staatsanwaltschaft!" Sicher erscheint am Ende nur dies: Egal, was Karadzic sagt, er bereut nichts.