Dann antwortete er gestern vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag mit fester Stimme: "Ich habe mich entschieden, meine Verteidigung selbst zu übernehmen." Der 63-Jährige trat mit geschnittenen, grauen Haaren, frisch rasiert und in einem blauen Anzug mit Krawatte auf. Er brauche keinen Verteidiger, er habe einen "unsichtbaren Berater", sagte der mutmaßliche Kriegsverbrecher selbstbewusst dem Richter.
Zudem nehme er sich 30 Tage Bedenkzeit, um die Frage nach seiner Schuld zu beantworten, kündigte der frühere bosnische Serbenführer an. Als er eine vierseitige Erklärung über angebliche Versprechen der USA verlesen wollte, verwies der Richter auf spätere Sitzungen nach dem offiziellen Prozessbeginn. Einige heikle Details werden vermutlich dann noch zur Sprache kommen. Es wird nicht nur um Karadzics Schuld gehen, sondern auch darum, warum es dem Westen nicht gelang, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher frühzeitig festzunehmen. Auch auf Details über die Jahre seines unbehelligten Lebens als rauschebärtiger Alternativmediziner wartet die Weltöffentlichkeit.

Vor den Augen der Nato
„Er mag es, im Mittelpunkt zu stehen“ , sagt die Völkerrechts-Expertin Heikelina Verrijn-Stuart. "Er wird versuchen, seine Rolle als Angeklagter dazu zu nutzen zu erzählen, wie er 13 Jahre einer Festnahme entgehen konnte." Und zumindest in der ersten Zeit, so die Ansicht vieler Experten, hätte der Westen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher fassen können. Bis 1997 bewegte sich Karadzic in seiner Hochburg Pale nahe Sarajevo völlig frei, vor den Augen Tausender Nato-Soldaten.
Der bosnische Serbenführer sei zwischen seinem Hauptquartier und seiner Villa hin- und hergependelt, ohne dass die Nato ihn festgenommen habe, sagt Florence Hartmann, die Sprecherin der zum Jahreswechsel abgetretenen UN-Chefanklägerin Carla del Ponte. Angeblich soll der damalige US-Vermittler Richard Holbrooke Karadzic versprochen haben, ihn nicht an das UN-Tribunal zu überstellen, wenn er von der politischen Bühne verschwinde.

Heftige Vorwürfe
„Karadzic hat immer gesagt, dass er bei seiner Festnahme etwas über die Versprechungen zu sagen habe, die der Westen im Zusammenhang mit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 gemacht haben soll“ , sagt Hartmann. Del Ponte selbst hat bereits heftige Vorwürfe gegen den Westen erhoben. Die USA haben wiederholt bestritten, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher damals laufen gelassen zu haben. Auch Frankreich, das kurz vor dem Dayton-Abkommen die Freilassung von zwei seiner Piloten aus serbischen Händen erreichte, weist die Vorwürfe von sich.
Neben der Rolle des Westen wird auch erwartet, dass sich Karadzic zu seinem Verhältnis zu dem früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic äußert. "Karadzic wird sicher versuchen, einige Dinge auf dem Rücken Milosevics abzuladen", vermutet Verrijn-Stuart.
Die Beziehung zwischen dem bosnischen Serbenführer und seinem Mentor hatte sich deutlich verschlechtert, als Milosevic im August 1994 einen westlichen Friedensplan unterzeichnen wollte, um die internationalen Sanktionen gegen Belgrad zu lockern.
Elf Anklagepunkte stellte das Haager UN-Tribunal zusammen, sie beziehen sich auf Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Beweisführung werde einfacher als gegen Milosevic sein, glaubt Verrijn-Stuart. Karadzic sei am Ort der Kampfhandlungen gewesen.