In einer Rede in der Akademie der Sozialwissenschaften sagte die Kanzlerin, China müsse mit seinem wirtschaftlichen Aufstieg auch mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, sich dafür aber „auf gemeinsame Spielregeln einlassen“. Dennoch zog Merkel eine positive Bilanz ihrer Gespräche mit der chinesischen Führung. Die „Vielfalt, Klarheit und Offenheit“ in den Beziehungen sei ein ermutigendes Zeichen.

Um ein Zeichen für die Pressefreiheit zu setzen, hatte sich die Kanzlerin am Morgen im Hotel mit vier kritischen Journalisten getroffen. „Das Treffen zeigt, dass die Kanzlerin der Demokratie und Meinungsfreiheit in China große Bedeutung schenkt“, sagte ein geschasster Chefredakteur. In dem Gespräch ging es um die Grundlagen journalistischer Arbeit sowie Möglichkeiten der Medien, Kritik zu üben, wie Delegationskreise berichteten. Die Kanzlerin setzte sich anschließend bei einem Gespräch mit Parlamentschef Wu Bangguo für ein Mediengesetz und die bessere rechtliche Absicherung der Presse ein.

Nach Ansicht der Kanzlerin wird die Menschenrechtsdiskussion vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking noch an Fahrt gewinnen, da die Welt stärker als früher auf China schauen wird. Die Spiele seien eine riesige Chance für China, sich vor der Welt darzustellen. „Aber es wird natürlich auch geschaut werden, wie präsentiert sich China gerade auch in Hinsicht auf Meinungs- und Pressefreiheit“, sagte Merkel. Menschenrechte bedeuteten „nichts anderes, als dass die Würde jedes einzelnen Menschen nicht zu teilen ist und dass es niemanden gibt, der das Recht hat, den einen über den anderen zu stellen“, sagte Merkel in der Akademie in einem indirekten Hinweis auf die Vorstellung in China, dass sich das Individuum unterzuordnen habe.

Politische Beobachter werteten Merkels Vorgehen als deutliche Kehrtwende gegenüber dem Kurs ihrer Amtsvorgänger Schröder und Kohl - diese hätten sich zuerst um gute Wirtschaftskontakte bemüht und Treffen mit Oppositionellen vermieden.

Scharfe Kritik übte die Kanzlerin am mangelnden Schutz des geistigen Eigentums in China und Plagiaten deutscher Autos. Es sei „nicht gut“, wenn auf der kommenden Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt „plötzlich ein Auto da steht, das aussieht wie ein Smart, aber keiner ist, sondern doch eine Kopie, die nicht ganz legal erarbeitet wurde“.

Auf der zweiten Station ihrer bislang längsten Auslandsreise nach China und Japan reiste die Kanzlerin in die ostchinesische Stadt Nanjing weiter, um eine dreijährige Image- und Kulturkampagne Deutschlands in China zu eröffnen. Am Mittwoch fliegt Merkel nach Tokio weiter.