Angefangen hatte es in Groß Gastrose (Spree-Neiße) in der Siedlung. Schon vor gut einem Jahr erklärten dort fast alle Grundstückseigentümer, dass sie nicht bereit seien, unmittelbar am Rande eines neuen Tagebaus Jänschwalde-Nord zu leben. Wenn die beantragte Kohlegrube genehmigt würde, dann wollten sie umgesiedelt werden, so die etwa 20 Hausbesitzer. Sie wollen dann wie die Einwohner von Kerkwitz, Atterwasch und Grabko behandelt werden, deren Häuser im geplanten Kohlefeld stehen. Eine Umsiedlung am Grubenrand, ohne Notwendigkeit für die Kohlegewinnung hat es bisher jedoch noch nie in der Lausitz gegeben.

Eine der Betroffenen ist die 63-jährige Doris Raasch. Von ihrem Garten wären es nach den eingereichten Planungsunterlagen bis zur künftigen Tagebaukante noch etwa 150 Meter. In diesem Streifen sollen aber auch noch eine verlegte Bahntrasse, eine Bundesstraße eine unterirdische Dichtwand und eine Hochspannungsleitung Platz finden. Für Raasch eine Horrorvorstellung. 1994 hatte sie mit ihrem Mann in der Siedlung in Groß Gastrose ein Haus gekauft und ausgebaut. "Wir haben uns sicher gefühlt", sagt sie. Denn eine Vormerkung für den Bergbau war aus den Grundbüchern genommen worden. Beim südwestlich gelegenen Nachbarort Taubendorf sollte Schluss sein mit dem Tagebau, hieß es damals. "Jetzt war unsere ganze Mühe umsonst", ist Doris Raasch verzweifelt.

Doch die Angst vor dem neuen Tagebau und der damit verbundenen Belastung greift unter den 360 Einwohnern in Groß Gastrose um sich. Nur etwa 450 Meter vom geplanten Grubenrand sind es bis zur Bahnhofstraße. Auch dort haben sich inzwischen knapp 30 Eigentümer entschlossen, bei einer Tagebaugenehmigung umsiedeln zu wollen. Damit steht für mehr als jedes dritte Grundstück im Ort fest: Wenn der Tagebau kommt, wollen wir weg.

"Es wird nicht passieren, dass man uns auf knapp einhundert Hektar sitzen lässt."
Ulrich Schulz, Ortsvorsteher Atterwasch

Astrid Proske gehört zu den Bewohnern der Bahnhofstraße, für die ein Leben am Grubenrand nicht vorstellbar ist. Die Lehrerin sitzt im zweiköpfigen Ortsbeirat, arbeitet seit Jahren im Arbeitskreis Tagebaukante der Gemeinde Schenkendöbern, zu der alle von einem neuen Tagebau Jänschwalde-Nord betroffenen Orte gehören. Auch ihre Familie wohnt in einem Mitte der 90er Jahre erworbenen und mühsam ausgebauten Haus. Heute ist es ein Schmuckstück mit großem Garten und Sonnenkollektoren auf dem Dach. "Die Leute wachen jetzt langsam auf, weil sie begreifen, wie nahe dieser Tagebau ihnen kommen würde", sagt sie und breitet Karten der Bergbauplanung auf dem Küchentisch aus. Luftbilder, in die künftige Abbaukanten und Trassen als farbige Linien gelegt wurden. Dazu kämen die Pläne, irgendwann auch auf polnischer Seite der Neiße Kohle zu fördern und die Erfahrung mit Grießen (Spree-Neiße).

Grießen liegt schon heute zwischen Neiße und Abbaukante des laufenden Tagebaus Jänschwalde. Eine Schutzwand am Dorfrand, von den Einwohnern "Klagemauer" genannt, soll den Tagebaulärm eindämmen. Doch Staub und die Lage in einem schmalen Schlauch ohne Hinterland belasten die Einwohner erheblich.Wie alle vom geplanten Tagebau bedrohten Einwohnern der Dörfer der Gemeinde Schenkendöbern hofft Astrid Proske, dass es die neue Grube gar nicht geben wird. Doch wenn sich diese Hoffnung nicht erfüllt, soll jeder an der Tagebaukante umsiedeln können, der nicht wie die Grießener ausharren will. Die Unterschriften aus der Bahnhofstraße in Groß Gastrose wird sie deshalb bei der Gemeinsamen Landesplanung Berlin-Brandenburg, Referat Braunkohle, in Cottbus abliefern.
Dort sitzt Uwe Sell, der einräumt: "Groß Gastrose ist sicher ein Brennpunkt in diesem Verfahren." Gutachten sollen jetzt klären helfen, ob und wie die Tagebaukante geführt werden kann, um dem Ort eine zumutbare Existenz zu sichern. Doch nicht nur das. Auch in Taubendorf und Atterwasch gibt es Probleme. Jürgen Handreck, Ortsvorsteher von Taubendorf, will bleiben, auch wenn die neue Grube käme. "Doch nur mit einem größeren Abstand", fügt er hinzu. Nicht einhundert, sondern eintausend Meter soll die Grubenkante von den Häusern wegbleiben, so seine Forderung: "Ein Tagebau ist viel belastender als ein Windrad." Notfalls will er diesen Abstand einklagen.
Handreck bringt aber auch Verständnis für die Taubendorfer auf, die dann lieber ganz weg wollen. "Es müsste eine Regelung in den Braunkohlenplan aufgenommen werden, dass diese Leute umsiedeln können." Auch wenn in Taubendorf keine Unterschriften gesammelt würden, die Zahl derer, die nicht am Grubenrand ausharren wollen, steige, sagt Handreck.

Mit einem Leben am Grubenrand könnte möglicher Weise auch noch Atterwasch konfrontiert werden. Der 2008 vom Bergbauunternehmen Vattenfall eingereichte Tagebau-Antrag sieht die Abbaggerung des Ortes vor, der am Rande des Kohlefeldes liegt. Die Planungsbehörde prüft jedoch auch, ob es möglich wäre, dass der Bagger dicht an dem Dorf vorbei schwenkt. "Unser Ziel ist ja, Umsiedlung möglichst zu vermeiden", so Braunkohle-Referent Uwe Sell.

"Unser Ziel ist ja, Umsiedlung möglichst zu vermeiden."
Uwe Sell, Referent für Bergbauplanung

Die Aussicht, der Abbaggerung vielleicht knapp zu entgehen, ruft jedoch in Atterwasch alles andere als Begeisterung hervor. "Es wird nicht passieren, dass von unserer Gemarkung 900 Hektar im Tagebau verschwinden und man uns auf knapp einhundert Hektar sitzen lässt", macht Ortsvorsteher Ulrich Schulz unmissverständlich klar. Dann lieber ganz weg. Das sei die überwiegende Meinung im Ort. Landesplaner Uwe Sell bereitet zusätzlich zu diesen Problemen am Tagebaurand noch ein Moorgebiet am Pastlingsee Kopfzerbrechen. Das Gebiet, in dem die seltenen Moorkiefern wachsen, steht unter strengem europäischen Naturschutz (FFH-Gebiet). Ähnlich wie bei den Lakomaer Teichen müsste Brüssel für die beantragte Abbaggerung grünes Licht geben. Voraussetzung dafür sei aber ein geeigneter Ausgleich. "Ganz, ganz schwierig", sagt Seel. Zusammen mit seinen Kollegen muss er auf all diese Konflikte bis Ende 2012 eine Antwort finden. Dann soll der Entwurf des Kohleplans Jänschwalde-Nord fertig sein und in die öffentliche Beteiligung gehen. "Das ganze Verfahren ist sehr konfliktträchtig", fasst Sell die schwierige Lage zusammen.

Dazu kommt die derzeitige Ungewissheit, wie sich die Energiepolitik in Deutschland weiter entwickelt und ob Vattenfall überhaupt nach 2020 ein neues Kraftwerk in Jänschwalde baut oder den Standort verkauft. Ohne neues Kraftwerk wird es jedoch keinen neuen Tagebau Jänschwalde-Nord geben. Die Landesplanung kann das Braunkohleplanverfahren aber nicht stoppen. Und so lange geplant wird, bleibt die zunehmende Angst in den Dörfern vor einem Leben dicht am Grubenrand. Der vor Jahren gefasste Beschluss der Gemeinde, dass sie den neuen Tagebau ablehne, reiche allein nicht mehr aus, sagt Schenkendöberns Bürgermeister Peter Jeschke (CDU): "Wir müssen uns diesen neuen Problemen stellen." Das will auch Wilfried Buder, Ortsvorsteher in Groß Gastrose. Doch Umsieldung einzelner Familien kommt für ihn nicht in Frage: "Alle oder keiner." Wenn der Tagebau nicht zu verhindern sei, dann müssten alle umziehen können: "Wir wollen hier nicht in einem Dreckloch enden."