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Kampf um ein Kulturgut

Schreibschrift ist für viele Schüler Schwerstarbeit.
Schreibschrift ist für viele Schüler Schwerstarbeit. FOTO: dpa
Berlin. Einer aktuellen Umfrage unter Lehrern zufolge haben immer mehr Schüler Probleme mit dem Handschreiben. Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbandes kann die Lösung aber nicht in der Abschaffung der Schreibschrift bestehen, sondern in einer besseren Vermittlung. Stefan Vetter

Wer sich alte Briefe oder Postkarten anschaut, der tut das oft mit einer gewissen Wehmut: Was konnten unsere Vorfahren doch sauber, schön und gleichmäßig schreiben. Bei den heutigen Schülern hat sich diese Fähigkeit offenbar weitgehend verflüchtigt.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Lehrerverbandes (DL) und des Schreibmotorik-Instituts in Heroldsberg sind nur noch 58 Prozent der Pädagogen an Grundschulen mit der Handschrift ihrer Schützlinge zufrieden, an weiterführenden Schulen lediglich 22 Prozent. Mehr als die Hälfte der Lehrer dort gibt an, dass nur etwa jeder dritte Schüler länger als eine halbe Stunde beschwerdefrei schreiben kann.

Woher rührt diese Entwicklung? Wohl in erster Linie hat sie mit dem Zeitgeist zu tun. Wo früher Feder, Tinte und Papier das Maß aller Schreibdinge waren, sind es heute eher Tablets oder Handys. Die Folge ist eine massive Verschlechterung der individuellen Schreibmotorik. Dadurch gelingt es Schülern immer weniger, die ursprünglich gelernte Ausgangsschrift zu beschleunigen und gleichzeitig leserlich zu schreiben. Am besten funktioniere noch der Daumen, wegen seines permanenten Einsatzes auf der Playstation, sagt DL-Präsident Josef Kraus etwas ironisch. Durch die fortschreitende Digitalisierung könnten sich Kinder immer weniger motorisch ausprobieren, zumal es auch immer mehr "übervorsichtige Eltern" gebe, wie Kraus anmerkt.

Nach seiner Einschätzung muss sich aber auch die Schulpolitik den Schuh anziehen, weil sie "dem Schreiben und insgesamt der sprachlichen Bildung immer weniger Bedeutung beimisst". Zweifellos ist die verstärkte Arbeit mit Lücken-Texten oder ein bloßes Ankreuzen vorgegebener Antworten bei Wissenstests nicht gerade der Verbesserung schulischer Schreibfähigkeiten dienlich.

Und dass der Grundwortschatz reduziert wurde und die Schüler mit einer Flut von Fotokopien konfrontiert sind, halten Experten ebenfalls für fragwürdig. Kraus spricht gar von einer "angestrengten Erleichterungspädagogik", die für ihn so etwas wie eine Kapitulation vor den Schreibschwächen vieler Schüler darstellt.

Der Trend dahin ist nicht von der Hand zu weisen. So gilt zum Beispiel in Hamburger Schulen nur noch eine modifizierte Druckschrift als verbindlich. Wie die Buchstaben verbunden werden, bleibt den Schülern überlassen. In Baden-Württemberg wird ein solches Modell erprobt. Und im Pisa-Musterland Finnland hatte man zu Jahresbeginn sogar angekündigt, die Erlernung der Schreibschrift komplett aus dem Lehrplan der Grundschulen zu streichen. Dabei fördere das Schreiben mit der Hand das Lern- und Erinnerungsvermögen, sagt der Schreibmotorikforscher Christian Marquardt. Deshalb müssten auch neue Methoden für den Schreibunterricht in Schulen entwickelt werden.

Die Lehrer im Land können dem Experten da nur zustimmen. Laut Umfrage sehen 99 Prozent von ihnen einen Zusammenhang zwischen der Handschrift eines Schülers und dessen Leistungen. 74 Prozent der Grundschulpädagogen fordern deshalb mehr Unterrichtszeit für die Schreibförderung und ein "spezielles motorisches Schreibtraining".

In China übrigens müssen bereits zehnjährige Schüler mehrere 10 000 Schriftzeichen beherrschen. Gemessen daran ist die deutsche Schreibwelt dann doch sehr übersichtlich. Und nach Ansicht von Lehrerverbands-Präsident Kraus darf sie auch nicht untergehen: "Das ist kein Kampf gegen die Moderne, sondern für ein Kulturgut."