Die Gefechtslage blieb gestern unübersichtlich und war raschen Schwankungen unterworfen. Die Provinzhauptstadt Zchinwali sei "beinahe vollkommen" durch georgischen Beschuss zerstört, berichtete Interfax unter Berufung auf die russischen Friedenstruppen vor Ort. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete aus Gori unweit der Grenze von Südossetien, dass dort Dutzende georgische Soldaten ins Militärkrankenhaus eingeliefert wurden. Die georgische Luftwaffe schoss nach eigenen Angaben über Südossetien fünf Flugzeuge der russischen Streitkräfte ab. In Gori verteilten die Notdienste gestern Nachmittag eine Liste mit Namen von 150 verletzten Georgiern. Viele Verletzte waren blutüberströmt oder völlig bewusstlos.

Widersprüchliche Berichte
Es gab am Nachmittag widersprüchliche Berichte darüber, wer Zchinwali kontrollierte. Die russischen Einheiten nahmen für sich in Anspruch, die georgischen Stellungen um Zchinwali "zerstört" zu haben. Nach dem Beginn einer Offensive Georgiens gegen die abtrünnige Region bombardierte die russische Luftwaffe nach georgischen Angaben auch Ziele auf georgischem Gebiet. Laut Interfax wurden bei den Kämpfen in Zchinwali auch zehn russische Soldaten getötet.
Russlands Präsident Dmitri Medwedew drohte mit Vergeltung, nachdem russische Medien den Tod russischer Soldaten in Südossetien gemeldet hatten. "Wir können den Tod unserer Landsleute nicht ungesühnt lassen", sagte Medwedew. Die Schuldigen "bekommen die Bestrafung, die sie verdienen".
Das Pentagon betonte derweil, dass die mehr als Hundert in Georgien stationierten US-Militärausbilder "in keiner Weise in den Konflikt zwischen dem russischen und dem georgischen Militär verwickelt" seien. Zugleich kündigte Washington an, einen Sondergesandten in die Region zu schicken. Es müsse ein sofortiger Waffenstillstand vereinbart werden.
Georgiens Präsident Michail Saakaschwili verkündete eine vollständige Mobilmachung und forderte von Russland ein Ende der Bombardierungen. "Wenn dies kein Krieg ist, dann möchte ich wissen, was es sonst sein soll", sagte der georgische OSZE-Botschafter, Victor Dolidse.

Rotes Kreuz drängt auf Korridor
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte die Konfliktparteien zu größter Besonnenheit und Zurückhaltung auf und verlangte den sofortigen Stopp jeglicher Gewaltanwendung. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich "entsetzt" über die in den vergangenen 48 Stunden eskalierende Gewalt in der von Georgien abtrünnigen Region. Er forderte gestern in Köln ein sofortiges Ende der sich verschärfenden militärischen Auseinandersetzung. "So unklar im Augenblick ist, wer für diesen neuerlichen Ausbruch an Gewalt verantwortlich ist, so klar muss unsere Haltung gegenüber den Konfliktparteien sein: Es muss ein sofortiges Einstellen der Kampfhandlungen geben."
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) drängte auf die Einrichtung eines Korridors zur Bergung von Verletzten. "Hilfstruppen kommen derzeit kaum zu den Opfern durch, und verängstigte Menschen verkriechen sich in ihren Kellern", berichtete der Chef der Rotkreuz-Delegation im georgischen Tiflis, Dominique Liengme, gestern nach IKRK-Angaben. Russland kündigte an, ab Mitternacht alle Flugverbindungen nach Georgien einzustellen. (AFP/dpa/cd)
Weitere Informationen zur Eskalation der Situation in Südossetien finden Sie im Internet unter www.lr-online.de/kaukasus