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Kampf gegen die Ocker-Plage an vielen Fronten

Etwa 200 000 Tonnen Eisenhydroxidschlamm fallen jährlich in der Lausitz an. Tendenz: steigend. Die Fließgewässer sind stark belastet.
Etwa 200 000 Tonnen Eisenhydroxidschlamm fallen jährlich in der Lausitz an. Tendenz: steigend. Die Fließgewässer sind stark belastet. FOTO: Hubertus Brückner
Senftenberg/Sonnewalde. Eisenhydroxid-Schlämme belasten die Lausitzer Fließgewässer. Die Entsorgung ist teuer. Eine Aufgabe für Generationen ist zu lösen. Kathleen Weser

Das Katzengold der Lausitz beschert den Gewässern im alten Braunkohlerevier flächendeckend meterdicke rostbraune Schlammschichten. Allein der Gewässerverband "Kleine Elster - Pulsnitz" räumt zwischen Sonnewalde, Lauchhammer und Senftenberg jährlich etwa 10 000 Tonnen abgelagerte Eisenhydroxid-Frachten aus den Gräben, um einen ordnungsgemäßen Wasserabfluss zu gewährleisten. Lausitzweit fallen derzeit 200 000 Kubikmeter Ocker im Jahr an. Das hat Klaus Zschiedrich, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), bestätigt. Und es wird immer mehr.

In der Lausitz ist das Naturphänomen brauner Fließgewässer schon seit dem Abbau von oberflächennahen Raseneisenerz-Vorkommen bekannt. Um Lauchhammer und im Raum Spreetal (Burghammer) beispielsweise.

Durch die Melioration in der Landwirtschaft ist ebenfalls stark in das ursprüngliche geochemische Gleichgewicht des eisen- und sulfatreichen Bodens eingegriffen worden. "Als brauner Film auf den Pflanzen sind die Ocker-Ausfällungen schon zu DDR-Zeiten zu sehen gewesen", bestätigt Hubertus Brückner, der Geschäftsführer des Gewässerverbandes "Kleine Elster - Pulsnitz". Die Gräben wurden damals schon regelmäßig beräumt.

Im Gebiet zwischen den Schlabendorfer Feldern und dem Senftenberger Kohlerevier kämpfen die Techniker und Mitarbeiter im Räumdienst nunmehr aber längst unter erschwerten Bedingungen um den reibungslosen Wasserabfluss. Die Bergbaufolge verschlammter Fließgewässer und verstopfter Durchlässe fordert den Gewässerverband enorm.

Die naturgemäß vorhandenen Pyrit- und Markasitverbindungen haben während des Abbaus des zweiten Lausitzer Kohleflözes mehrere Jahrzehnte lang in der trockenen Erde geschlummert. Das Grundwasser war, um den Bodenschatz zu bergen, auf etwa 2000 Quadratkilometern in Tiefen bis zu 80 Meter abgesenkt worden. Doch der leer gesaugte riesige Trichter ist inzwischen wieder voll Wasser, und die durch den extremen Eingriff gelösten und verwitterten Eisensulfide im Erdreich sind damit geweckt. Sie reagieren mit dem Luftsauerstoff. Das Ergebnis ist eine saure braune Brühe, die sich schier unaufhaltsam in die Gewässer ergießt. Die braune Spree ist überall.

Aus der Pößnitz bei Schipkau sind schon 22 000 Tonnen Ocker gebaggert worden. Der Floßgraben in Plessa wurde jüngst von 12 500 Tonnen des Eisenhydroxidschlammes befreit. Im Meuroer Graben hatten sich 8000 Tonnen abgelagert, die über mehrere Monate entfernt werden mussten. "Wir haben eine unstete, aber massive Verschlammung innerhalb immer kürzerer Zeit zu verzeichnen", bestätigt Gewässer-Experte Hubertus Brückner. Eisenhydroxidschlamm zu beräumen, sei auch auch naturschutzrechtlichen Gründen ein sensibles Arbeitsfeld - vom Eingriff in die Gewässersohle bis zum Ersatzlebensraum für Zauneidechsen.

Die maschinell und von Hand entnommenen Ockerberge aus den Gräben müssen zudem über lange Zeit abtrocknen. Das erfordert temporäre Absetzbecken in unmittelbarer Nähe der Einsatzorte "und großes Verständnis von den Flächeneigentümern", erklärt Brückner. Nach anfänglichem Widerstand sei dies gegeben. Dabei wolle keiner die braune Pampe auf seinem Grundstück gelagert wissen. Die Räumdienste müssen neben den eigenen Gummistiefeln täglich ebenso mühsam wie konsequent die Technik schrubben. Der Ocker ist auch hier hartnäckig anhänglich. In den Straßendurchlässen backt der Eisenhydroxidschlamm besonders gern richtig fest. Mit Hochdruck gehen die Gewässerwarte auch dagegen vor.

Bis vor wenigen Jahren haben die Flächenbesitzer noch dulden müssen, dass der ockerhaltige Aushub einfach am Grabenrand abgelegt wurde. Die angehäuften Ablagerungen sind aus der Landschaft entfernt worden. Denn staubtrocken wiederum machen die sehr feinkörnigen Rückstände bei etwas stärkerem Wind praktisch sofort jedem mittleren Sahara-Sturm ernsthaft Konkurrenz.

Hochreine Eisenhydroxidverbindungen, die nur in den Grubenwasserreinigungsanlagen anfallen, können zwar produktiv verwertet werden. Die Nachfrage am Markt aber ist gering. In Lauta wird der saubere Schlamm zu Umweltprodukten, die vorrangig für die Gas- und Wasserreinigung verwendet werden, verarbeitet. Doch der Ockerschlamm aus den Oberflächengewässern ist mit organischen Stoffen durchsetzt - und deshalb Abfall. Der muss gesetzeskonform entsorgt werden. Mit etwa 40 Euro pro Tonne schlagen derzeit die Kosten von der Analyse über den Transport bis zur Deponierung zu Buche. Diese Sonderaufwendungen werden noch aus dem Topf der Braunkohlesanierung finanziert. Das Ende dieses natürlichen und durch den Bergbau verstärkten Phänomens ist nicht absehbar. Und Hubertus Brückner befürchtet: "Das ist noch eine Aufgabe für Generationen." Der erhöhte Aufwand in der Bewirtschaftung der Grabensysteme muss langfristig berücksichtigt und wahrscheinlich auch dauerhaft gestemmt werden. Das Entsorgen des Eisenhydroxidschlammes sei zu teuer. Hubertus Brückner mahnt Lösungen an, den Ocker kostengünstig zu deponieren. Denn das Problem werde zunehmend größer.

Die Fließgewässer sind extrem belastet. Teilweise werden auch noch ungereinigte Grubenwässer eingeleitet. Neue wasserrechtliche Genehmigungen dafür werden verwehrt. Dies wiederum trifft Siedlungen wie Lauchhammer mit ganzer Härte. Die wie ein löchriger Käse von Alttagebauen und riesigen Kippenflächen durchzogene Stadt muss an vielen Standorten dauerhaft Grundwasser heben, um Wohngebiete und Verkehrsinfrastruktur vor dem Absaufen zu schützen - das Wasser aber dann auch in die Vorflut abgeben. Das darf europäischen Richtlinien zufolge zum Schutz der Gewässer nur unbelastet erfolgen. Ein Teufelskreis.