Beim Eierproduzenten Ehlego in Roggosen (Spree-Neiße-Kreis) und bei der Landkost-Ei GmbH in Bestensee (Landkreis Dahme-Spreewald) herrscht der Ausnahmezustand: Fahrzeuge, die auf das Firmengelände wollen, durchfahren eine Seuchenwanne, werden mit Desinfektionsmitteln abgespritzt. Alle Betriebsführungen und Vertreterbesuche sind bei Ehlego abgesagt worden. Zutritt zu den Legebatterien, in denen in Roggosen 1,4 Millionen Hennen untergebracht sind, hat nur noch, wer unbedingt muss. Vor Reisen in die Niederlande oder nach Belgien informieren die Mitarbeiter die Geschäftsleitung. Sein Verpackungsmaterial bezieht das Unternehmen nicht mehr aus den Niederlanden. Bei den Züchtern geht die Angst vor der Geflügelpest um.
„Unsere Mitarbeiter nehmen die gesamte Sache sehr ernst, denn letztlich hängt ihr Arbeitsplatz davon ab“ , sagt Ehlego-Juniorchef Kai Ehlenberger. „Denn sollte sich eine der Hennen mit dieser Seuche infizieren, müssten all unsere Tiere gekeult werden und wir hätten monatelang für unsere Mitarbeiter keine Arbeit mehr.“
Schon seit Ende Februar schrillen bei Ehlego die Alarmglocken. Damals brach in den Niederlanden die Geflügelpest aus. Seit gestern sind alle deutschen Eierfabrikanten, Hähnchenproduzenten und Hobbytierhalter noch mehr gewarnt. Denn die Seuche ist hoch ansteckend. Und hat inzwischen auf Deutschland übergegriffen.

Virus ist leicht übertragbar
Der Erreger ist bei Masthähnchen aus dem niederrheinischen Schwalmtal im Kreis Viersen nachgewiesen worden. Die kranken Tiere leiden unter Fieber, Durchfall, Atemnot, Mattigkeit. Über ihren Kot, Speichel oder Tränenflüssigkeit scheiden sie massenhaft Viren aus. Die Ansteckung erfolgt dann durch direkten Kontakt, aber auch durch Kontakt mit infizierten Geräten. Erkrankte Tiere, besonders Hühner und Puten, sterben innerhalb weniger Tage. Die Sterblichkeitsrate liegt bei 80 bis 100 Prozent. Auch Menschen können den Erreger an ihren Schuhen oder ihrer Kleidung weitertragen. Wildvögel stehen ebenfalls im Verdacht, die Viren zu verbreiten.
Nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichterstattung (ZMP) in Bonn gibt es in Deutschland etwa 97 000 Halter von Legehennen mit knapp 42 Millionen Tieren und rund 17,5 Millionen Küken. Hinzu kommen rund 51 Millionen Plätze für Masthühner und -hähnchen sowie rund 9,4 Millionen Puten, 2,2 Millionen Enten und rund 407 000 Gänse. „Nach vorsichtigen Schätzungen haben allein wir ohne die Tauben und die Tiere bei Hobbyhaltern 1,5 Millionen Tiere im Spree-Neiße-Kreis“ , sagt Amtstierarzt Dietmar Vogt.
In den Niederlanden sind nach offiziellen Angaben mehr als 25 Millionen Tiere an der Geflügelpest verendet oder vorsorglich getötet worden. Der erste Verdachtsfall in Deutschland trat Ende vergangener Woche in Nordrhein-Westfalen auf. Rund 84 000 Tiere mussten dort bereits vorsorglich geschlachtet werden. Rund um den betroffenen Betrieb im Kreis Viersen ist eine 20 Kilometer breite Sicherheitszone eingerichtet worden.
Am Montag hat die Europäische Union ein Ausfuhr- und Transportverbot für lebendes Geflügel, Bruteier, Kadaver und Mist aus Nordrhein-Westfalen verhängt. Außerdem hat das Bundesverbraucherministerium sofort, nachdem der erste deutsche Verdachtsfall bekannt geworden war, umfangreiche Schutzmaßnahmen für das gesamte Bundesgebiet eingeleitet.
Alle Geflügel-Transporte müssen den Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsämtern der Landkreise angezeigt werden. Bevor die Tiere den Hof verlassen, hat der Tierarzt das Geflügel zu untersuchen und den Transport zu genehmigen. Ausstellungs- und Geflügelmärkte sind derzeit generell verboten. Der Geflügelhandel ist nur noch mit Einschränkungen erlaubt.

Flugverbot für Brieftauben
Auch alle Hobby-Züchter müssen inzwischen den Behörden ihre Bestände an Hühnern, Enten, Gänsen, Fasanen, Rebhühnern und Tauben melden. Betriebe und Hobby-Halter haben außerdem ein Register zu führen, wo sie welche Tiere gekauft haben. Sterben mehr Tiere als üblich, haben sie die Behörden darüber unverzüglich zu informieren. „Und Brieftauben dürfen ab sofort nicht mehr fliegen gelassen werden“ , erklärt Vogt, der Leiter des Veterinäramtes im Spree-Neiße-Kreis. „Alles, was vorbeugend zu machen ist, haben wir gemacht.“
Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (DZG) erwartet in Deutschland deshalb keine massive Ausweitung der Seuche mit millionenfachen Tötungen wie in den Niederlanden oder Belgien. In Sicherheit wiegt sich aber niemand. „Das Gefährdungspotenzial ist sehr hoch“ , sagt Clemens Müller, Amtstierarzt im Dahme-Spreewald-Kreis. „Wir hoffen, dass die Schutzmaßnahmen ausreichen“ , erklärt Bernd Tehönges vom sächsischen Gesundheitsministerium. „Prinzipiell besteht aber das Risiko einer Ausbreitung auf alle Bundesländer, weil diese Pest eine hochmobile Seuche ist.“
Klaus Nielitz, der Vorsitzende der Rassegeflügelzüchter in Sachsen-Anhalt, sieht es ähnlich. „Mit der Geflügelpest ist nicht zu spaßen. Die Situation ist gefährlich“ , sagt er. Und Dieter Freudenberg, Leiter des Veterinär- und Lebensmittelamtes im Elbe-Elster-Kreis, ergänzt: „Die Gefahr ist eigentlich gering, aber bei dieser Pest gibt es immer unbeeinflussbare Übertragungsmöglichkeiten.“
„Wir sind relativ ruhig und gelassen“ , sagt auch Ursula Schimmrigk, Geschäftsführerin des brandenburgischen Geflügelzuchtwirtschaftsverbands. „Aber einen absoluten Schutz gibt es im Endeffekt nicht.“

Gefahr für Menschen gering
Selbst Menschen können sich mit der Geflügelpest anstecken. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hält diese Gefahr aber für „sehr gering“ . In den Niederlanden sind mehr als 80 Personen nach einer Infektion an Bindehautentzündungen erkrankt. Einige hatten auch grippeähnliche Symptome. Ein Tierarzt ist an einer Lungenentzündung gestorben.
Ist ein Mensch beim Kontakt mit der Geflügelpest bereits mit einem herkömmlichen Grippe-Virus infiziert, erhöht sich das Risiko: Bei Doppelinfektionen könnte nach Einschätzung des RKI ein neues, für Menschen gefährlicheres Virus entstehen. Das Institut betont aber, es gebe keine Hinweise darauf, dass der Erreger von Mensch zu Mensch weitergegeben werde.
Danach bestehe nur für Menschen mit engem Kontakt zu kranken Tieren eine Gefahr. Ihnen empfiehlt das RKI, unbedingt Mundschutz, Handschuhe und Schutzbrille zu tragen und sich impfen zu lassen.
Den Verzehr von Fleisch und Eiern stuft das Bundesverbraucherministerium als unbedenklich ein. Alle im Handel erhältlichen Geflügelprodukte könnten „bedenkenlos verzehrt werden, da sie nur von gesunden Tieren aus gesunden Beständen stammen“ . Der Erreger habe über die Ernährung keinen Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Elisabeth Roesicke vom Infodienst Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft in Bonn betont zudem, dass das Virus bei einer „haushaltsüblichen Erhitzung“ abgetötet werde.