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Kameras, Betonsperren und Kontrollen für die Wiesn

Ist das Oktoberfest kurz vor der Bundestagswahl in Gefahr?
Ist das Oktoberfest kurz vor der Bundestagswahl in Gefahr? FOTO: dpa
München. Das Münchner Oktoberfest ist ein Treffpunkt der Nationen – ähnlich wie die Flaniermeile Las Ramblas von Barcelona. Ist München sicherer vor Terror? Sabine Dobel

Anschläge in Spanien, Terrorwarnungen in Rotterdam, eine Auto-Attacke auf Soldaten bei Paris - vor diesem Hintergrund startet in drei Wochen das Münchner Oktoberfest. Doch die Behörden geben sich entspannt. Für die Sicherheit sei im Rahmen des Möglichen alles getan, sagt Bayerns zuständiger Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Poller und Betonelemente versperren die Zufahrten, seit 2016 ist das Gelände vollständig umzäunt. Große Taschen und Rucksäcke dürfen nicht mitgenommen werden. An den Eingängen kontrollieren Ordner die Besucher. An die 500 000 kommen alljährlich allein am ersten Festtag.

Vor zehn oder zwanzig Jahren habe sich niemand vorstellen können, dass eine Kontrolle der Gäste auch nur ansatzweise möglich sei, sagt Herrmann. Heute sei das anders. "Die Menschen akzeptieren das. Sie sagen: Da wird etwas getan für meine Sicherheit." Die Polizei wird wohl wie im Vorjahr mit rund 600 Beamten im Einsatz sein. "Aber die Sicherheitslage für die Wiesn wird jeden Tag neu beurteilt", sagt Michael Riehlein von der Polizei. Notfalls werde aufgestockt.

Die Wiesn beginnt im Endspurt der Bundestagswahl. In Frankreich und Großbritannien gibt es Vermutungen, dass Terroristen gezielt die Zeit vor Wahlen für Attacken aussuchen. Es gebe grundsätzlich eine Gefahr, dass Terroristen Ereignisse mit großer medialer Aufmerksamkeit nutzten, sagt auch Herrmann. "Wir haben das für das Oktoberfest seit Jahren im Blick."

2009 war das Wiesn-Gelände nach einem Drohvideo des Terrornetzwerks Al Qaida eilig mit Lastwagen gegen Angriffe gesichert worden. Später wurden die Lkw durch massive Betonelemente ersetzt, die heute als Pflanzenkübel mit Blumen geschmückt das Bild einer fröhlichen Wiesn eher unterstreichen. An den Zufahrten gibt es versenkbare Poller. Dachten die Behörden früher an Selbstmordattentäter mit Autobomben, so geht es heute um Lastwagen als Instrument für tödliche Anschläge.

Bereits als Konsequenz aus den Lkw-Anschlägen in Nizza, Berlin und London beschloss der Stadtrat im Juli, dass sämtliche Fahrer und Mitfahrer der Lieferwagen vor dem Fest einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Polizei und Ordnungsdienste werden die Fahrzeuge in Stichproben kontrollieren, die täglich Wagenladungen von Brezen, Würsten und anderen Schmankerln für Zehntausende Gäste herankarren.

Erstmals werden Polizeiteams mit Bodycams unterwegs sein, mit einem neuen internen Messenger-Dienst sollen Beamte Fotos und Videos schneller übermitteln können. Einige der 33 Videokameras werden durch moderne Geräte ersetzt, die mit höherer Auflösung Straftäter besser identifizierbar machen sollen. Optimiert wird auch die Lenkung der Besucherströme, unter anderem mit einer neuen Lautsprecheranlage.

"Das ist ein gutes Instrument, um große Menschenmengen zu leiten und Panik zu vermeiden", sagt Polizeisprecher Riehlein. Sonst guckten die Menschen auf ihre Handys - wo in sozialen Medien Gerüchte kursieren. "Dann ist das Netz in der Lage, eine Massenpanik auszulösen." Die Münchner Behörden reagieren damit auch auf Erfahrungen aus dem Amoklauf, als Menschen an Dutzenden Orten in der Stadt in Panik gerieten, geschürt von Nachrichten über Messenger-Dienste.

Die Sicherheitsvorkehrungen kosten Geld. Über die Finanzierung entspann sich im Frühjahr ein heftiger Streit, der sich wochenlang auf den Bierpreis konzentrierte. Erstmals bezahlen die Wirte für die Sicherheit über eine Umsatzpacht mit. Wiesnchef Josef Schmid (CSU) wollte den Bierpreis deckeln, damit die Wirte die Kosten nicht an die Besucher weitergeben. Im Stadtrat flogen die Fetzen, am Ende scheiterte Schmid. Die Wirte blieben aber mit Preiserhöhungen moderat. Die Maß Bier wird maximal 10,95 Euro kosten, 25 Cent mehr als im Vorjahr. Auch Essen wird wohl etwas teurer. Doch wer auf die Wiesn geht, sollte ohnehin nicht mit Discount-Preisen rechnen.

Im Vorjahr hatten Terrorsorgen und schlechtes Wetter die Gästezahlen auf 5,6 Millionen sinken lassen, der Tiefststand seit 2001.

Und dieses Jahr - Angst? Wirtesprecher Toni Roiderer winkt ab. "Ich bin froh, dass die Wiesn in Bayern stattfindet." Hier könne man sicher sein, dass die Sicherheitsbehörden die Lage im Griff hätten.

Auch Minister Herrmann und der Sprecher der Münchner Polizei, Marcus da Gloria Martins, sind sich einig: Grundsätzlich sei das Risiko eines Autounfalls um ein Vielfaches höher als das eines Anschlags.