Längs der Küste wächst die modernste Autobahn des Baltikums. Überall in und um die alte Hauptstadt Ostpreußens wurde gebaut, saniert, renoviert. Kaliningrad wollte sein Image als verwahrloste Ex-Militärzone und Schmuggel-Drehscheibe endlich loswerden. Doch nun droht dem Aufschwung das vorläufige Ende. Die globale Krise macht auch um Wirtschaftswunder keinen Bogen. Als erste bekamen es die Kunden örtlicher Banken zu spüren. Um die Weihnachtszeit gingen die Geldhäuser ohne Vorwarnung in die Knie. 5500 Kunden bangen um ihre Einlagen. Die Arbeitslosigkeit in Kaliningrad schnellte in nur drei Monaten auf mehr als zehn Prozent hoch. Noch vor einem Jahr waren in der 450 000-Einwohner-Stadt offiziell ganze 624 Menschen ohne Job - bei fast 11 000 offenen Stellen. Inzwischen drehen sich die Verhältnisse um. "Dies ist sicher erst der Anfang. Man muss mit einer hohen Dunkelziffern rechnen", sagt Arbeitsamts-Direktor Sergej Susdalew. Reihenweise fahren Firmen die Produktion herunter. Manche entlassen zwei Drittel ihres Personals auf einen Schlag. Mehrere Großunternehmen haben bereits staatliche Finanzspritzen beantragt: die Schiffswerft "Jantar", das Automontagewerk "Awtotor", das auch BMW fertigt, und eine Tochter des Energiekonzerns Lukoil, die vor der Kurischen Nehrung Öl aus einem Ostsee-Schelf pumpt. Sie werden das Geld wohl bekommen. Schon um Massenentlassungen zu verhindern, hat Moskau seinem westlichen Vorposten zwölf Milliarden Rubel (260 Millionen Euro) für ein Anti-Krisen-Programm zugesagt. Der abrupte Crash hat Gründe. Kaliningrads Aufschwung hängt am Tropf der Binnennachfrage. Die Exklave ist "Sonderwirtschaftszone", um den Nachteil der Insellage auszugleichen. Importeure, die ihre für den russischen Markt bestimmten Produkte hier aus Einzelkomponenten zusammenbauen, sparen Importzölle und zahlen weniger Steuern. Das lohnt sich und hat dazu geführt, dass ein Großteil der im Land verkauften Haushaltstechnik in Kaliningrad montiert wird. Autokonzerne wie BMW, General Motors und Kia Motors lassen in der Exklave ihre Pkw für den russischen Markt zusammenschrauben. Doch nun brechen die Märkte ein. Der Absatz von Neuwagen ging in Russland seit August um ein Drittel zurück. Auch teure Heimelektronik lagert in den Kaliningrader Werken inzwischen auf Halde. Allmählich vergeht selbst dem schwergewichtigen Gouverneur Georgi Boos der zur Schau gestellte Optimismus. Nun verkündete Boos doch die Gründung eines Krisenstabs, "um die Hilfe besser koordinieren zu können". Da hatte sein Wirtschaftsministerium die Wachstumsprognose für 2009 gerade nach unten korrigiert: von zwölf auf symbolträchtige 0,1 Prozent. Frühestens Ende 2011 sei mit einer Normalisierung zu rechnen. In Kaliningrad sind bislang noch 380 Firmen mit deutschem Kapital registriert. Deutschland ist für die westlichste Provinz der Russischen Föderation der wichtigste Handelspartner. Ein deutscher Fuhrunternehmer, der seit 15 Jahren in Kaliningrad sein Geld verdient, blickt mit großer Sorge in die Zukunft. Allein im Januar seien die Lkw-Frachten zwischen Deutschland und der russischen Exklave um fast die Hälfte zurückgegangen, sagt er. "Wenn das so weitergeht, ist das keine Krise, sondern das Ende."