Die Aufrüstung gut 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges ist Moskaus Antwort auf US-Pläne für ein Raketenabwehrsystem in Europa.

Die Armee bejubelt die Machtdemonstration. Doch den Einwohnern des früheren Königsberg schmeckt die Re-Militarisierung ihrer Heimat überhaupt nicht – sie fürchten eine neue Eiszeit. „Für uns Kaliningrader sind diese Pläne nicht gut“, sagt Gennadi Sacharow, einst selbst Funkoffizier. „Wenn unsere Regierung jetzt wieder beginnt, hier Raketen aufzustellen, kann man die Öffnung nach Europa doch vergessen“, kritisiert er.

In der Tat hat Medwedew gedroht, auch Angriffswaffen in Kaliningrad aufzustellen, falls der Westen Russland nicht in seine Raketenabwehrpläne einbindet. Er hoffe auf eine Beilegung des Streits, sagt Medwedew kurz vor einem Treffen der Nato-Außenminister mit ihrem russischen Kollegen Sergej Lawrow am heutigen Donnerstag in Brüssel.

Die Nato gibt sich irritiert über die russische Militarisierung, Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen spricht von „Geldverschwendung“.

Der Kaliningrader Sacharow ist Fuhrunternehmer. Jede Woche pendelt er mit seinem Kleinbus zwischen Danzig, Berlin und Kaliningrad, bringt Passagiere vom Pregel bis an die Donau. Für ihn ist es kein Widerspruch, zu Russland zu gehören und sich geschäftlich nach Europa zu orientieren: „Kaliningrad liegt nun einmal mitten in der EU. Das ist unsere Chance, nicht das Militär“, sagt Sacharow.

Wer in Kaliningrad lebt, blickt nach Westen. Geschäftskontakte in die EU- und Nato-Nachbarn Polen und Litauen sind für viele längst ebenso Alltag wie Reisen nach Deutschland. Die EU-Konsulate kommen mit der Ausgabe von Schengen-Visa kaum hinterher, die polnische Gesandtschaft hat mit 100 000 Einreiseerlaubnissen gerade die Auslastungsgrenze erreicht. Erstmals soll im kommenden Jahr ein visafreier kleiner Grenzverkehr eingeführt werden zwischen dem Gebiet Kaliningrad mit knapp einer Million Einwohnern und einem 50 Kilometer breiten Streifen in Polen.

In Russlands westlichster Großstadt hoffen die Einwohner, dass dies ein erster Schritt hin zur ersehnten kompletten Abschaffung der Visapflicht ist. Der Lokalpolitiker Solomon Ginsburg warnt deshalb davor, die ehemalige militärstrategische Rolle Kaliningrads wieder aufleben zu lassen.

Ohnehin ist die Stimmung aufgeheizt: Am Mittwoch protestieren 1000 Regierungsgegner gegen Wahlfälschungen bei der Parlamentswahl. Wie Ginsburg vermisst auch Alexandra Smirnowa ein Konzept, was Moskau mit seinem Vorposten an der Ostsee vorhat. Die ehemalige Wirtschaftsministerin der Gebietsregierung fordert mehr ökonomische Autonomie. Kaliningrad solle eine wirtschaftliche Drehscheibe zwischen Russland und dem Westen werden, schlägt sie vor. Militärisch spielte Russlands zuletzt kaum noch eine Rolle.