Die Röhren ähneln den Gängen in einem weit verzweigten Maulwurfsbau. Doch mit 48 Kilometern haben die unterirdischen Kalifelder von Zielitz nördlich von Magdeburg eine Ausdehnung, die größer ist, als Berlin vom östlichen bis zum westlichen Stadtrand misst. Rund 800 Kilometer Straße liegen in bis zu 1200 Metern Tiefe. In Zielitz steht eines der größten Kaliwerke der Welt. Der Dax-Konzern K+S aus Kassel fördert hier den Rohstoff, der als Dünger in der Landwirtschaft das Wachstum der Pflanzen antreibt. Und es wird immer mehr Dünger benötigt - denn der Hunger der Weltbevölkerung wächst.

Der Weg zum wertvollen Rohstoff in der Tiefe ist weit. Mit einem Aufzug für 92 Mann geht es abwärts, acht Meter in der Sekunde. "Pro 100 Meter wird es drei Grad wärmer", sagt Ulf Hölzl , der unter anderem für die Infrastruktur zuständig ist. Wer hier mit will, braucht einen Helm und eine Lampe. Leichte Kleidung ist bei teils deutlich über 30 Grad angesagt, Unterwäsche und darüber ein Overall reichen völlig. Und immer mit dabei sein muss ein Kasten für die Sauerstoffversorgung im Notfall. Man weiß ja nie.

Vom Steinbrocken erschlagen

Dass Bergbau gefährlich ist, zeigte sich im November, als ein 48 Jahre alter Bergmann von einem herabstürzenden Steinbrocken erschlagen wurde. Das war bereits der zweite Tote in diesem Jahr, nach einem ähnlichen Unglück im März. Doch Unfälle seien bei K+S insgesamt seltener als im produzierenden Gewerbe, sagt Unternehmenssprecher Ulrich Göbel.

"Die häufigsten Unfälle sind Ausrutschen und Umknicken", erklärt Ulf Hölzl auf dem Weg in die Tiefe. Denn die Sicherheitsmaßnahmen sind streng. Penibel wird festgehalten, wer sich gerade wo aufhält. Das muss auch so sein, denn: "Wir verbrauchen etwa 20 Tonnen Sprengstoff - pro Tag", sagt Hölzl.

In 700 Metern Tiefe steigt Hölzl in seinen Jeep. Fernlicht an, dann geht es rasant durch dunkle Tunnel zu den aktuellen Abbaugebieten. Die aus dem Gestein geschlagenen Straßen sind gewunden. Mal geht es bergauf, mal bergab, immer da lang, wo einst das Kali lagerte. Es ist menschenleer hier, nur ab und an kommen schwere Schaufellader entgegen.

Hinter einem Abzweig endlich Licht. Hier arbeitet Torsten Mehnert. "Das war mein Wunschberuf", sagt der 45-Jährige. Früher war er in einem Baumarkt beschäftigt. Aber hier hat er mehr Verantwortung. "Die eigenständige Arbeit ist interessant", sagt Mehnert. "Der Bergmann ist ja heute alleine auf sich gestellt."

15 Meter breit, 7 Meter hoch

Mit einer Fernbedienung steuert er ein Fahrzeug, das Sprenglöcher ins Gestein bohrt. 120 Löcher mit wenigen Zentimeter Durchmesser, der Computer im Fahrzeug übernimmt die genaue Positionierung der riesigen Bohrmaschine. Fühlt er sich an seinem Arbeitsplatz in der Tiefe nicht eingeengt von den Gesteinsmassen? "Nein, es ist ja genug Raum." Immerhin: 15 Meter breit sind hier die Röhren, sieben Meter hoch ist es bis zur Decke.

Arbeitsteilung auch unter Tage: Löcher bohren, den Sprengstoff einfüllen, die Explosion auslösen, die Sicherung der Decken und der Abtransport des gelösten Gesteins. Ganze Teams sind rund um die Uhr in den weit verzweigten Röhren beschäftigt. Nur Sonntags ruht die Förderung.

Tief unter der Magdeburger Börde ist eine komplette Infrastruktur entstanden. Werkstätten für Wartung und Zusammenbau der rund 530 Fahrzeuge, eine eigene Tankstelle oder auch ein Simulator für die große Maschinen - denn die Steuerung ist fast so komplex wie in einem Flugzeug. "Das ist beeindruckend, wie eine kleine Stadt unter Tage", sagt Moritz Weber, der gerade im Simulator die Bedienung einer Maschine lernt.

Selbst eine Grubenverkehrsordnung und spezielle Führerscheine gibt es - und Bußgelder, wenn mal eine Lampe defekt ist. Nur geblitzt wird hier nicht. "Bei 50 Stundenkilometern wird automatisch abgeregelt", sagt Infrastruktur-Chef Hölzl, der in den 80er-Jahren in Moskau Bergbau studiert hat.

Das Kaliwerk ist in der strukturschwachen Gegend einer der größten Arbeitgeber. Mehr als 1800 Mitarbeiter zählt das Werk - und zahlt schon lange West-Löhne. Die Schächte waren in den 60er-Jahren angelegt worden. Über die Jahrzehnte wurden die Röhren immer weiter getrieben. Sie gehen unter Feldern und Wäldern durch, unterqueren Straßen und Gleise und sogar die nahe gelegene Elbe.

Ausgangspunkt und Nadelöhr

Das Werk in Zielitz ist dabei nur der Ausgangspunkt. Und das Nadelöhr: Alle Personentransporte erfolgen dort über nur einen Schacht. Und täglich rund 40 000 Tonnen Rohsalz kommen über einen anderen Schacht ans Licht - laut K+S ist er damit der größte einzelne Förderschacht der Welt.

Während die Halden bei Zielitz immer größer werden, wird das Kaliumchlorid rund um den Globus transportiert. Der weitaus größte Teil der jährlich rund zwei Millionen Tonnen Dünger geht über den werkseigenen Bahnanschluss zum Hamburger Hafen. Jeden Tag fahren dort vier lange Güterzüge hin. Und von dort geht es mit Schiffen weiter: Nach Brasilien etwa oder auch nach Asien. Und so treibt der Dünger aus Zielitz rund um den Globus das Pflanzenwachstum auf Feldern und in Gewächshäusern an - und die ein oder andere exotische Frucht von einer mit Zielitzer Kali gedüngten Pflanze landet später vielleicht wieder in Deutschland auf dem Küchentisch.