Gleich nach dem Aufstehen schaut der 68-Jährige bei seinen "Lieblingen" vorbei. Dann schlendert er gemütlich durch die Reihen, betrachtet alle Kakteen genau. An den heißen Tagen werden die Fenster geöffnet, damit frische Luft in die Gewächshäuser gelangt.
Mehr als 5000 Pflanzen wachsen in den beiden miteinander verbundenen Hallen. Rund 1000 verschiedene Arten hat Dieter Matthes in seinen Karteikarten archiviert. Wie viele es genau seien, wisse er nicht. Einige der Pflanzen sind schon 100 Jahre alt. „Aber nicht alle Kakteen erreichen diese Lebenszeit - das ist wie bei den Menschen, da muss alles passen“ , sagt der rüstige Mann. Aus ganz Deutschland, Tschechien und Polen besuchen Botanikfreunde die einmalige Kakteenschau.

"Schwiegermutterstuhl" sehr bekannt
Eine der ältesten Pflanzen in seiner Sammlung ist mit 80 Jahren der dickbäuchige „Schwiegermutterstuhl“ , wie der Riese im Volksmund genannt wird. Der Goldkugelkaktus ist eine der bekanntesten Arten überhaupt. Das Exemplar von Dieter Matthes hat einen Durchmesser von 70 Zentimetern. „Echinocactus grusonii ist seine richtige Bezeichnung“ , sagt der Experte, der für jede seiner Pflanzen den lateinischen Namen kennt. Für Kakteen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gibt es keine deutschen Bezeichnungen. Auf den „Schwiegermutterstuhl“ ist Dieter Matthes besonders stolz. „Der Kaktus hat in diesem Jahr zum ersten Mal geblüht, zwei Tage lang“ , freut sich der 68-Jährige.
Besonders faszinierend ist die unscheinbar wirkende „Königin der Nacht“ , die einmal im Jahr mit mehr als 40 Blüten und ihrem lieblichen Duft die Besucher verzaubert. Doch wer dieses Schauspiel miterleben möchte, braucht schon eine große Portion Glück, denn die Pflanze blüht nur ganze zwölf Stunden lang.
Bereits 1914 hatte Vater Richard mit dem Sammeln und Züchten seltener Kakteensorten begonnen. Zunächst im Wohnhaus auf den Fensterbrettern. 1934 wurde das erste Gewächshaus gebaut, die Sammlung wuchs in den Folgejahren weiter an. Damals habe sich Dieter Matthes nur wenig für die stacheligen Gesellen interessiert. "Das kam erst nach meiner Armeezeit 1966", erinnert er sich. Gemeinsam mit seinem Vater baute er damals das zweite Gewächshaus. Heute sind die Kakteen seine ältesten Freunde.

Kakteen werden abgehärtet
„Die Pflanzen werden sehr sparsam gegossen und bekommen nur wenig Nährstoffe, dann sind sie nicht so empfindlich.“ , verrät der 68-Jährige sein Geheimnis. „Sie werden damit abgehärtet und widerstandsfähiger.“ Einen besonderen Liebling habe der Botaniker nicht. „Mir liegen alle Pflanzen sehr am Herzen, jeder Kaktus hat seine Eigenart und ist schön.“
Dieter Matthes wässert die Pflanzen je nach Witterungslage. "Bei Tiefdruckwetter gieße ich nicht beziehungsweise nur sehr dosiert", erläutert der Hobby-Botaniker seine bewährte Strategie. Dabei werden die Pflanzen je nach Bedürfnissen unterschiedlich behandelt. Bei dem Gärtner wird nichts dem Zufall überlassen. Insekten haben hier keine Chance. „Die Bestäubung der Blüten übernehme ich selbst“ , sagt der Rentner. Mit dem Pinsel bestreicht er die Fruchtblätter. In den beiden Gewächshäusern sind fast alle Kakteenarten ganz Amerikas auf engem Raum zusammengefasst, Insekten würden da zwangsläufig Kreuzungen hervorrufen. „Doch das ist nicht wünschenswert“ , betont der Botaniker. „Ich möchte die ursprünglichen Arten erhalten.“
Die Sammlung ist über die vielen Jahre immer größer geworden. Dieter Matthes hat es dabei seinem Vater nachgetan und alle Pflanzen selbst groß gezogen. Mit anderen Kakteenliebhabern tausche er noch heute regelmäßig Samen aus. Das kostet im Gegensatz zur Bewirtschaftung kaum Geld.
Der 68-Jährige liebt seine stacheligen Freunde, doch ob er die beiden Gewächshäuser halten kann, wisse er nicht. „Die Heizkosten werden immer größer. Wenn das so weitergeht, ist irgendwann Schluss.“ Finanzielle Unterstützung wie zu DDR-Zeiten von der Universität Dresden bekomme er heute keine. Der Verkauf einiger gezogener Kakteen und Spenden sind nur ein Tropen auf den heißen Stein. Traurig schaut der alte Mann über seine Pflanzen, die so viele Erinnerungen bergen. „Mein Vater hat die Sammlung über den Krieg gebracht und ich bringe sie vielleicht nicht mehr über den Winter.“ Doch bisher fiel Dieter Matthes immer etwa ein. „So-lange es mir gut geht, werde ich alles für meine Kakteen tun“ , zeigt er sich kämpferisch. Ein Verkauf kommt für ihn nicht infrage. „Geld kann den Wert ohnehin nicht aufwiegen.“ Ob seine Kinder die Sammlung einmal übernehmen werden, wisse er nicht. „Das Interesse ist da, aber sie müssen ihre Arbeit behalten, sonst sind die Kosten nicht bezahlbar.“

Alpine Pflanzen im Steingarten
Dieter Matthes hat nicht nur für Kakteen etwas übrig, seine zweite Leidenschaft gilt alpinen Lebewesen. Das sind Pflanzen, die sonst in rund 2000 Metern Höhe wachsen. Etwa 200 Arten, von Disteln, Orchideen bis hin zu seltenen Gräsern und Moosen können in dem selbst angelegten Steingarten, direkt neben den Gewächshäusern, bewundert werden. Hier geht der Rentner, der fast sein ganzes Leben auf dem Bauernhof verbracht hat, gern spazieren. Dieter Matthes freut sich jeden Tag über seine Pflanzen, die er immer respektvoll behandelt. Denn „die Natur braucht den Menschen nicht, der Mensch braucht die Natur“ , ist er überzeugt. „Aber viele treten sie leider oft mit Füßen.“ Bei dem 68-Jährigen ist das Gegenteil der Fall. Sanft und freundschaftlich geht er mit seinen Pflanzen um. „Sie geben mir Kraft und sind mein Ruheboden.“

Service Gern gesehener Besuch
Die Kakteensammlung hat jeden Sonntag von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Führungen sind nach telefonischer Absprache aber auch an anderen Tagen möglich. Dieter Matthes freut sich immer über interessierten Besuch. Die Adresse: Streitfelder Straße 19, 02708 Kleindehsa. Telefon: 035877/24 645.