Noch vor wenigen Monaten fiel es der alten Dame schwer, bloß die Tageszeiten auseinanderzuhalten. Der Alltag der dementen Seniorin aus Gransee (Oberhavel) war eintönig: "Morgens ging es nur vom Bett aufs Sofa und abends umgekehrt", erinnert sich Krankenschwester Nadin Reiffer. Nun aber ist die 93-Jährige wieder agil wie lange nicht: In der Tagespflege spielt sie mit anderen Senioren Rommé und "Mensch ärgere Dich nicht", und sie geht sogar wieder selbst einkaufen.

"Durch den regelmäßigen Besuch der Pflegeeinrichtung hat sie wieder eine Tagesstruktur", sagt Schwester Reiffer erfreut. Alzheimer und andere Formen von Demenz sind zwar nicht heilbar. Aber durch Bewegung und Beschäftigung lässt sich der Krankheitsverlauf abmildern, die Patienten gewinnen deutlich an Lebensqualität zurück. "Das Problem ist, dass Demenz in Deutschland viel zu selten erkannt wird - nur fünf Prozent der Patienten bekommen eine richtige Diagnose", sagt Marijke van der Vaart, Fachärztin für Altersmedizin. Um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren, hat van der Vaart in Gransee jetzt ein "Alzheimer-Café" gegründet - für ländliche Regionen in Deutschland praktisch ein Novum. Einmal im Monat können sich Betroffene und deren Angehörige kostenlos über die Krankheit informieren und miteinander austauschen. Vorbild sind die Niederlande, aus denen van der Vaart stammt. Dort gebe es alle acht Kilometer ein "Alzheimer-Café", landesweit seien es 800, sagt die Medizinerin. "Das Netz ist da sehr groß."

In Gransee beginnt die Veranstaltung diesmal mit dem Impulsreferat "Mich versteht kein Mensch, ich komm mir so verlassen vor!". Bei Alzheimer sterben langsam die Nervenzellen ab. Die Betroffenen werden vergesslich und ihre Persönlichkeit kann sich plötzlich verändern, wie die Referentin von der Potsdamer Volkssolidarität bei Kaffee und Kuchen erklärt. "Da passiert was da oben, wofür derjenige, der erkrankt, aber nichts kann", mahnt sie. Eine betagte Zuhörerin runzelt leicht die Stirn.

Weil die Menschen immer älter werden, ist Alzheimer längst zur Volkskrankheit geworden. Viele wollen mit ihr aber lieber nichts zu tun haben, sie wird verschwiegen. "Gerade im ländlichen Raum ist die Krankheit ein großes Tabuthema", sagt Stefan Römer. Der Sozialarbeiter hat die Idee mit dem "Alzheimer-Café" zusammen mit Ärztin van der Vaart in Gransee ins Leben gerufen. Der Bedarf ist auch in der 6000-Einwohnerstadt groß genug. In der Tagespflege, wo auch die 93-Jährige betreut wird, gibt es 15 Patienten. "13 sind dement", sagt Sozialarbeiter Römer.

Kürzlich hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine gewaltige Zunahme von Demenz-Erkrankungen prognostiziert. Bis 2050 müsse damit gerechnet werden, dass rund 115 Millionen Menschen unter dieser Hirnerkrankung leiden, deren häufigste Form Alzheimer ist. Das wären mehr als dreimal so viele wie heute. "Wir müssen unsere Möglichkeiten verbessern, Demenz frühzeitig zu erkennen und die notwendige medizinische und soziale Fürsorge zu gewähren", mahnte der stellvertretende WHO-Generaldirektor Oleg Chestnov. In Gransee und Umgebung ist mit dem "Alzheimer-Café" ein erster Schritt gemacht.