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| 02:42 Uhr

"Kämpfen bis zum Ende"

Warschau/Danzig. Der Streit um Danzigs neues Museum des Zweiten Weltkriegs hält Polen in Bann: Warschauer Kulturpolitiker wollten die Darstellung der Geschichte ändern, kritisieren die Museumsmacher und wehren sich vor Gericht. Natalie Skrzypczak

Die Macher im neuen Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig/Gdansk triumphieren: Ihr Kampf gegen Polens Regierung ist noch nicht verloren. Wider Erwarten könnten die Kulturschaffenden das in langjähriger Arbeit entstandene Haus vielleicht doch noch selbst eröffnen.

Eine zum Februar geplante Übernahme durch die Nationalkonservativen - und von den Machern gefürchtete Änderungen an ihrer Ausstellung - liegen wegen eines Gerichtsbeschlusses vorerst auf Eis. "Die Chance weiterzuarbeiten, ist eine riesige Genugtuung", sagt Museumsdirektor Pawel Machcewicz.

Seit dem Jahr 2008 baut er das polnische Prestige-Projekt mit auf und möchte es so auch der Öffentlichkeit zeigen. Deswegen lud er bereits Hunderte Polen in das noch unfertige Haus.

Obwohl noch nicht alle Exponate an ihren Plätzen stehen, öffnen sie am Wochenende einigen Hundert Polen die Tür. Es könnte die einzige Möglichkeit sein, ihre jahrelange Arbeit zumindest einem Teil der Öffentlichkeit zu zeigen, war die Intension der Museumsmacher. Ehe die Regierung die Ausstellung möglicherweise bald umbauen lassen würde.

Nun gewinnen Machcewicz und sein Team zwar etwas Zeit, doch ihre Sorgen sind sie nicht los.

Seit dem vergangenen Jahr wollen die Nationalkonservativen das Haus in ein Kulturinstitut umwandeln und so unter ihren Einfluss bringen.

Nach einem Rechtsruck im Jahr 2015 setzen sie in Polens Geschichtspolitik neue Akzente. Die Regierenden propagieren Werte wie nationale Identität und Patriotismus. Wiederholt hatten sie deren Mangel in dem neuen Museum beanstandet, dessen Initiator der ehemalige Ministerpräsident und heutige EU-Ratsvorsitzende Donald Tusk war.

Sie kritisierten: Zu universalistisch sei der Ansatz, am Beispiel Polens das Leid der gesamten Zivilbevölkerung zu zeigen. Nach Meinung der Nationalkonservativen sollte die polnische Perspektive stärker hervorgehoben werden - die Polen als Opfer der Nazis und Helden im Untergrund sowie an der Front.

Schon vor Monaten sprach Kulturminister Piotr Glinski in diesem Zusammenhang von möglichen "Korrekturen". Diese könnte er durch eine Zusammenlegung mit dem deutlich kleineren Westerplatte-Museum umsetzen. Für die so entstehende Kultureinrichtung könnte dann ein neuer Direktor berufen werden, der eher die Ansichten der Regierenden vertritt.

Laut Kulturministerium aber sollen die Institutionen aus Kostengründen zusammengeschlossen werden.

Danzigs Bürgermeister Pawel Adamowicz ist skeptisch und warnt: Würden Änderungen an der Ausstellung vorgenommen, wäre es eine Verschwendung von Steuergeldern. Im äußersten Fall drohte er in der Zeitung "Gazeta Wyborcza", das Museums-Grundstück zurückzuverlangen. Es war eine Schenkung der Stadt, auf deren nahegelegener Halbinsel Westerplatte mit dem Überfall der Deutschen der Zweite Weltkrieg offiziell begann.

Obwohl ein Gericht nach Klage der Museumsmacher die Zusammenlegung vorerst aufhielt, ist ein Ende des Konflikts nicht in Sicht. Der Rechtsstreit dauert seit vergangenem Jahr, ein ähnlicher Stopp wurde bereits einmal aufgehoben. Das Kulturministerium kündigte bereits an, nicht aufzugeben. Dabei würde das neue Museum die Warschauer Minister überzeugen, wenn sie es denn besichtigen würden, versichert Direktor Machcewicz.

Die Hauptausstellung widme der weitgehend unbekannten Geschichte Polens in dem Krieg eine besondere Rolle, betont er. Doch die Politiker hätten seine Einladung in die Schau nicht angenommen.

Das Museum stehe im Gegensatz zur jüngst in Polen betriebenen Kulturpolitik, meint Danzigs Bürgermeister. Diese sei "an die Leine der regierenden Mehrheit gebunden", sagt Adamowicz. Auch im Ausland läuteten die PiS-Politiker eine Wende in der Kulturpolitik ein, als sie zahlreiche Direktoren der polnischen Kulturinstitute entließen. Über die Zukunft des Museums in Polen können die Macher nur spekulieren.

Der vorläufige Triumph gibt Adamowicz neue Hoffnung: "Man darf den Glauben nie verlieren und muss bis zum Ende kämpfen."