Wer immer bei der Abstimmung heute zum neuen Parteivorsitzenden gekürt wird, hat auch gute Aussichten, den unter Korruptionsverdacht stehenden Olmert als Regierungschef abzulösen. Die politischen Unterschiede zwischen den beiden führenden Kandidaten, Außenministerin Zipi Liwni und Transportminister Schaul Mofas, sind groß: Während Liwni für eine Fortsetzung des Friedensprozesses mit den Palästinensern steht, gilt Mofas als Hardliner und Rechtsaußen, dessen Wahlsieg eine neue Stagnation der Verhandlungen in Nahost bedeuten könnte.

Vier Kandidaten
Der Posten des Regierungschefs wird dem Sieger oder der Siegerin der Wahl, bei der insgesamt vier Kandidaten antreten, nicht automatisch zufallen. Vier Wochen Zeit lässt das israelische Gesetz für die Regierungsbildung, mit einer möglichen Verlängerung von weiteren zwei Wochen.
Sollte dies nicht gelingen, könnte Olmert auch nach seinem Rücktritt an der Spitze einer Übergangsregierung bis zu neuen Parlamentswahlen spätestens im Frühjahr kommenden Jahres im Amt bleiben. Vertraute Olmerts sagten der israelischen Zeitung "Maariv" am Tag vor der Wahl, eine Auszeit komme für ihn nicht in Frage. Er werde nach der Kür eines neuen Parteivorsitzenden als Ministerpräsident zwar zurücktreten, jedoch bis zur Bildung einer neuen Koalition an der Spitze der Übergangsregierung verbleiben.
Olmert hatte angesichts schwerer Korruptionsvorwürfe gegen ihn am 30. Juli seinen Rückzug angekündigt und nach längerem Zögern grünes Licht für die Kadima-Wahl gegeben. Die Polizei hat der Staatsanwaltschaft am 7. September eine Anklage Olmerts empfohlen. Sollte diese der Empfehlung Folge leisten, könnte Olmert wohl auch nicht mehr an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben.
Nach israelischen Medienberichten haben Liwni und Mofas im Vorfeld der anstehenden Koalitionsverhandlungen schon ihre Fühler zu den Parteien der Regierung und der Opposition ausgestreckt. Es wird davon ausgegangen, dass Mofas eine Regierungsbildung leichter fallen würde als Liwni. Die streng religiöse Schas-Partei - mit zwölf Mandaten zweitgrößter Koalitionspartner von Kadima - lehnt die Außenministerin ab - weil sie eine Frau ist und wegen ihrer bisherigen Weigerung, das Kindergeld zu erhöhen. Als Rechtsaußen in seiner Partei steht Mofas der Schas-Partei auch politisch näher.
Liwni strebt dennoch nach Einschätzung israelischer Kommentatoren eine ähnliche Regierung an wie die gegenwärtige Koalition aus Kadima, Arbeitspartei, Schas und Mitgliedern der Rentnerpartei. Sie will die Friedensgespräche mit den Palästinensern, die sie seit Januar als Leiterin des israelischen Verhandlungsteams führt, fortsetzen. Hinsichtlich ihrer genauen Standpunkte hielt sie sich jedoch zuletzt sehr bedeckt. Mofas warf ihr vor, Schwammigkeit sei keine Politik, und machte seinerseits keinen Hehl aus seinen eher rechtsorientierten Ansichten.

Mofas gegen Jerusalem-Teilung
Der Politiker ist zwar für eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern, will die Verhandlungen über die Kernpunkte des Konflikts jedoch aufschieben. Zuerst will er von den Palästinensern fordern, mehr gegen militante Organisationen zu unternehmen. Mofas steht für die Gründung eines Palästinenserstaats in vorläufigen Grenzen, was von palästinensischer Seite vehement abgelehnt wird. Der ehemalige Verteidigungsminister ist ebenfalls gegen eine Teilung Jerusalems, in deren Ostteil die Palästinenser ihre künftige Hauptstadt gründen wollen. Kurz vor der Wahl betonte er zudem, er sei "eindeutig" für die gezielte Tötung von Führungsmitgliedern der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen.