Das flackernde Blaulicht der Begleitfahrzeuge tauchte den historischen Ort in das Zwielicht eines modernen Thrillers. Glaubt man den Kritikern der spektakulären Aktion, dann ging es genau darum: eine düster-dubiose Schau zu inszenieren, um einer Verschwörungstheorie zum Durchbruch zu verhelfen.

Unglückshergang noch unklar

Die polnische Generalstaatsanwaltschaft sieht es anders. Sie hatte bereits im Sommer die Exhumierung aller 83 nicht eingeäscherten Opfer der Flugzeugkatastrophe von Smolensk im April 2010 angeordnet. Damals starben 96 Menschen, meist hochrangige Repräsentanten der polnischen Nation. Bis heute ist der Hergang des Unglücks nicht vollständig geklärt. "Die Leichen sind die einzigen Beweismittel, die wir haben", sagt der zuständige Staatsanwalt Marek Pasionek.

Zweifel werden geschürt

In der polnischen Realität werden diese Zweifel seit sechseinhalb Jahren systematisch geschürt. Es ist vor allem Jaroslaw Kaczynski, der Bruder des verstorbenen Präsidenten, der von Anfang an die These vertreten hat: "Es war Mord." Der Chef der rechtsnationalen PiS-Partei installierte eine eigene Expertenkommission und beschuldigte den russischen Geheimdienst FSB, im Zusammenspiel mit dem innenpolitischen Erzrivalen der Kaczynski-Zwillinge, dem damaligen polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk, den Absturz gezielt herbeigeführt zu haben, wahrscheinlich durch einen Sprengstoffanschlag.

Jeder dritte Pole glaubt an diese Theorie, für die es bislang keine belastbaren Indizien und erst recht keinen Beweis gibt. Die offiziellen Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass der Pilot und die Crew beim Landeanflug im dichten Nebel von Smolensk Fehler begingen. Die Maschine streifte mehrere Baumwipfel und stürzte ab. Auch die russischen Fluglotsen versagten.

Allerdings ist unstrittig, dass es bei den offiziellen Ermittlungen Unzulänglichkeiten gab. Es gelang nicht, den Stimmrekorder der abgestürzten Tupolew zweifelsfrei auszulesen. Und als im Herbst 2012 tatsächlich TNT-Spuren am Wrack gefunden wurden, musste der damalige Chefermittler Ireneusz Szelag eigenes Unvermögen bekennen: "Wir haben die Sprengstoffdetektoren zur Kontrolle an eine Flasche Parfüm, eine Dose Schuhcreme und an ein Würstchen gehalten. Jedes Mal hat das Gerät TNT-Alarm ausgelöst."

Kann die Exhumierung neue Beweise zu Tage fördern? Die meisten Experten halten das für unwahrscheinlich. Selbst Staatsanwalt Pasionek dämpft die Erwartungen. Es sei "nicht das erste Ziel" der rechtsmedizinischen Untersuchungen, mögliche Sprengstoffspuren an den Leichen nachzuweisen. Zweifelsfrei dürfte das auch kaum möglich sein. Immerhin könnte die Aktion dazu beitragen, dass Fehler bei der Identifizierung der Leichen, die es 2010 nachweislich gab, korrigiert werden.

Angehörige machtlos

Vielen Angehörigen der Opfer ist das zu wenig, um die Exhumierung zu rechtfertigen. Juristisch sind sie aber machtlos. Mehr als 200 Betroffene wandten sich deshalb in einem offenen Brief mit der Bitte an Präsident Andrzej Duda, diesen "grausamen und rücksichtslosen Akt" zu verhindern. Sie forderten: "Bewahrt die Gräber unserer Lieben vor der Schändung." Allerdings ist Duda ein enger Vertrauter von PiS-Chef Kaczynski, dessen Partei seit einem Jahr in Warschau regiert. Kurz darauf übernahm Justizminister Zbigniew Ziobro das Amt des Generalstaatsanwalts. Ohne den Wahlsieg der PiS hätte es die Exhumierung nicht gegeben.