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Jura in der 6. Klasse

Dresden. Rechtsanwälte, Richter und Staatsanwälte sollen an die Schulen kommen, um dort Staat und Demokratie zu erklären. So die Idee. Christine Keilholz / ckz1

Umgesetzt wird sie derzeit probehalber an 15 Oberschulen, darunter die Gottlieb-Daimler-Schule in Bautzen und die Oberschule am Planetarium Hoyerswerda. Ab dem nächsten Schuljahr soll das Programm allen sächsischen Oberschulen zur Verfügung stehen.

Das Programm zur Demokratieerziehung beginnt mit einem Modul zum "Umgang mit Wahrnehmung und Wahrheit". Dabei wird den Schülern erklärt, wie eine strafrechtliche Hauptverhandlung läuft. Sie lernen juristische Fragetechnik und dadurch letztlich den Umgang mit Begriffen wie Wahrnehmung, Lüge, Wahrheit, Subjektivität und Gerechtigkeit. Das soll helfen, unser demokratisches Zusammenleben und unser Wertesystem besser zu verstehen. So erklärten das die Fachleute aus Bildungsinstitut und Justiz, die das Programm erarbeitet und bereits erprobt haben, gestern bei der Auftaktveranstaltung in Dresden.

Das neue Unterrichtsmodul wird in den regulären Unterricht der 6. Klasse eingebaut in die Fächer Ethik und Religion. Dort erleben die Schüler den Ablauf einer simulierten Gerichtsverhandlung mit Richtern, Staatsanwälten und Rechtsanwälten. Die Schüler werden mit verschiedenen Wahrnehmungen von Zeugen konfrontiert und spüren ihre eigene subjektive Wahrheit. Diese Erfahrung sollen sie dann übertragen auf soziale Kontexte, wie die Begegnung mit anderen Menschen und deren Wahrheiten.

"Nur wer weiß, wie unser demokratischer Rechtsstaat funktioniert", sagt Justizminister Sebastian Gemkow (CDU), "wird sich mit ihm identifizieren und auch Verantwortung für dessen Fortbestand übernehmen." Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) legt Wert darauf, dass dafür kein extra Schulfach eingeführt wird - denn davon hält sie grundsätzlich nichts. Den Austausch von Meinungen und den Umgang mit Rede und Gegenrede lernen die Schüler innerhalb der hergebrachten Stundentafel.

Dass es mit der politischen Bildung gerade an den Schulen hapert, hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt. Zuletzt beim Sachsen-Monitor im Herbst 2016. Der offenbarte, dass viele junge Sachsen von Politik kaum Ahnung haben, sondern nur Aufgeschnapptes zusammenbauen. Ursache dafür ist auch, dass es politische Bildung an Schulen seit den 90er-Jahren praktisch gar nicht gab. Schulen sollten unpolitisch sein - nachdem sie ja zu DDR-Zeiten Orte der Infiltrierung waren.

Jetzt schwenkt die CDU-SPD-Regierung um mit einem Maßnahmenpaket "für ein starkes Sachsen", das schon im März 2016 im Kabinett beschlossen wurde.

Zum Paket gehört auch, dass Politiker öfter im Unterricht vorbeischauen sollen, um Schülern die freiheitlich-demokratische Grundordnung schmackhaft zu machen. Gleich als erste Maßnahme verkündete die Kultusministerin bereits im Frühjahr 2016, dass das Fach Geschichte in der 10. Klasse wieder Pflichtfach werden soll - Abwahl nicht mehr möglich.

Das Team aus Lehrern und Juristen entwickelt derzeit weitere Module über Zivilcourage, Menschen- und Völkerrecht für die Klassenstufen 7 und 8. In den 9. Und 10. Klassen soll dann die wehrhafte Demokratie drankommen. Diese Module sollen im Schuljahr 2018/19 an ersten Oberschulen starten.