Wegen seiner Mitverantwortung für ein Netz illegaler Parteienfinanzierung wurde der 58-Jährige in der ersten Instanz zu eineinhalb Jahren Gefängnis auf Bewährung und zehn Jahren Unwählbarkeit verurteilt.
Doch Juppé trifft beim Staatschef auf "Freundschaft, Hochachtung und Respekt". Seit beinahe 30 Jahren halten Chirac und Juppé eisern zusammen. Da wird das Urteil des Strafgerichts nur als Episode wahrgenommen. Juppé geht in die Berufung und zieht für Monate den Kopf aus der juristischen Schlinge. Gemeinsam mit Chirac hat er einen Plan für das Wahljahr ausgeheckt: Alles bleibt beim Alten - im November dann will Juppé freiwillig als Parteichef abtreten.
Obwohl die französische Öffentlichkeit an ein gehöriges Maß an Kaltschnäuzigkeit und Krisenfestigkeit der Spitzenpolitiker gewöhnt ist, kam die Entscheidung Juppés doch überraschend. Vier Tage hatte sich der frühere Premierminister Zeit genommen, um die Konsequenzen aus dem Urteilsspruch zu ziehen. Nun war sich die Tageszeitung "Le Monde" sicher, Juppé werde mit Blick auf die Regionalwahlen im März und die Europawahl im Juni "zumindest den Vorsitz der UMP" aufgeben. Auch "L'Express" fabulierte bereits über die neue Ära - der Rückzug Juppés aus der Pariser Politik sei "das wichtigste politische Ereignis in Frankreich seit dem Rückzug des sozialistischen Premierministers Lionel Jospin" vor zwei Jahren.
Doch dann kam alles anders. Am Schluss eines sorgfältig vorbereiteten Parcours, bei dem Juppé-Anhänger in Bordeaux, in der UMP-Zentrale und in der Pariser Nationalversammlung seine Verdienste um das Vaterland rühmten und Tränen vergossen, verkündete der 58-Jährige am Dienstagabend in den Hauptnachrichten, er werde bis November weitermachen. In dieser Zeit will Juppé in "Gelassenheit" seine Nachfolge an der Spitze der UMP vorbereiten.
Das Stühlerücken hatte bereits eingesetzt. Premierminister Jean-Pierre Raffarin ließ streuen, wenn Juppé dies wünsche, stehe er als Nachfolger zur Verfügung. In der Parteizentrale wurden Strategien unter dem Motto "Alle außer Sarkozy" entwickelt. Die alte Garde will verhindern, dass der populäre Innenminister Nicolas Sarkozy aus dem Abgang Juppés Nutzen zieht. "Wenn der Schutzschirm, den Juppé bisher darstellte, erst einmal weg ist, läuft die Regierungsmehrheit Gefahr, der vollen Wucht einer Konfrontation zwischen Chirac und Sarkozy ausgesetzt zu werden." Der 49-jährige Sarkozy hat Ambitionen auf das höchste Staatsamt angemeldet. So kann es Chirac nur Recht sein, dass Juppé im Amt bleibt und den Konkurrenten auf Distanz hält.
Der Posten-Schacher in der UMP, die in der Nationalversammlung die absolute Mehrheit stellt, treibt die Linksopposition zur Weißglut. Statt eines Schuldeingeständnisses versucht die Regierungspartei, ihre Bastionen zu festigen. Der sozialistische Fraktionschef Jean-Marc Ayrault zeigt sich "schockiert" über die rückhaltlose Unterstützung Chiracs für Juppé. Der grüne Abgeordnete Noël Mamère beklagt, die Affäre gebe ein "armseliges Bild unseres Landes im Ausland" ab.
Der sozialistische Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë indes erwartet von der UMP die Rückzahlung von rund 1,2 Millionen Euro, die nach Feststellungen des Gerichts in Nanterre aus der Stadtkasse umgeleitet wurden, um den Parteigängern Juppés und Chiracs ihre Monatsgehälter zu zahlen. Das Geld sei den Bürgern "gestohlen" worden.