Christiana Walde (23), Vorsitzende der sorbischen Jugendorganisation "Pawk": "Wir müssen an der Modernisierung der Sprache arbeiten." Welche Wege die Sorben gehen können, diskutieren sie in Bautzen bei der "Jugendbegegnung europäischer Minderheiten" mit Westfriesen, Kaschuben, Ungarndeutschen, Triester Slowenen und Nordschleswigern. Angefreundet hatten sie sich vor ein paar Jahren bei einem Treffen der "Jugend europä ischer Volksgruppen" (JEW) - dem Netzwerk der Jugendorganisationen europäischer Minderheiten.

Sprache als Identifikation
"Jungen Sorben ist ihre Sprache sehr wichtig", sagt Christiana Walde. "Wer sagt, dass er Sorbe ist, der spricht auch seine Sprache gern." Die Sorben identifizieren sich über ihre Sprache. Nicht nur, weil sie ein Hilfsmittel für ihre kulturelle Entfaltung ist. Sprache hat für sie eine konstitutive Bedeutung.
Das Sorbische bestimmt den Alltag. Familien besprechen ihre Probleme in der Muttersprache. Es gibt deutsch-sorbische Schulen. In sogenannten
A-Klassen wird in Sorbisch unterrichtet. Erst später kommt Deutsch als Zweitsprache hinzu. In den Jugendklubs in Reibitz oder Ostrow werden die Wochenenderlebnisse in Sorbisch ausgewertet. Musikbands wie "Wusmuz" oder "Awful Noise" singen in Sorbisch.

Grenzen im Alltag
Beim Texten der Songs stößt Peter Ziesch (28) von "Awful Noise" weniger an seine Grenzen als im Alltag. "Wie sage ich auf Sorbisch: 'Hey, gib mir mal mein Laptop rüber. Ich will eine neue Software runterladen.'" Anderes Beispiel: Sorben telefonieren im Deutschen mit dem Handy, im Sorbischen aber immer noch mit dem Telefon. Ein Wort, das hinter der modernen Technik hinterherhinkt.
"Die moderne Lexik ist vor allem ein Problem der sorbischen Medien", sagt Peter Ziesche. Sie müssen die Gradwanderung zwischen jungen und älteren Sorben schaffen. Die Tageszeitung "Serbske Nowiny" versucht das mit einer gesonderten Rubrik, erklärt er. Dort werden moderne Begriffe in Sorbisch erklärt oder übersetzt. Es komme auch vor, so Ziesche, dass in den Texten sorbische Worte genannt und dann in Klammern die deutsche Bedeutung geschrieben wird. Insgesamt sei das jedoch unzureichend.
Die "Jugendbegegnung" ist dazu da, zu "schauen, wie die anderen Minderheiten das Problem bewältigen", erklärt Walde. Sie ist optimistisch. Denn es gibt schon Austauscherfolge im Bereich Spracherhalt. Von den Bretonen haben sie sich die "Diwan-Schulen" abgeguckt. Das heißt, es gibt jetzt rein sorbischsprachige Kindergärten. Ausgeschlossen wird aber keiner. "Es werden auch deutschsprachige Kinder aufgenommen, die die sorbische Sprache lernen wollen", sagt sie.
Ein Ideenaustausch findet auch beim Merchandising statt, zum Beispiel bei T-Shirts, Aufklebern oder coolen Sprüchen. Und diese coolen Sprüche gilt es für die Sprachwissenschaftlerin Dr. Jana Schulz vom Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig zu übersetzen. Sie arbeitet an einem deutsch-obersorbischen Wörterbuch mit moderner Lexik. "Es geht darum, nicht nur eine korrekte obersorbische Entsprechung zu finden, sondern auch eine stilistisch angemessene", sagt sie. Dabei gebe es unterschiedliche Strategien. Zum einen können Fremdwörter einfach übernommen werden. Zum anderen kann man ältere obersorbische Lexik wiederbeleben.
"Der zweite Weg erscheint günstig und freut vor allem die älteren Sorben. Das hat aber auch den Nachteil, dass die junge Generation diese Wörter oft überhaupt nicht versteht." Das Problem hatten sie im Zusammenhang mit dem Wort Waschbrettbauch. "Die junge Generation weiß doch gar nicht mehr, was ein Waschbrett ist. Und wenn man das wörtlich übersetzt, dann würde das kein Mensch verstehen. Also müssen wir es umschreiben", erklärt die 42-jährige Sprachwissenschaftlerin.

Neue Lexik durch Praxis
Trotz der verschiedenen Strategien, lautet Schulz' Grundsatz: "Die neue Lexik entsteht in der Praxis und muss sich dort auch beweisen. Wir müssen ja nicht künstlich irgendwelche Neubenennungen bilden, wenn sie keiner benutzt." Beim Begriff "Computer" wurde erst versucht, das tschechische Wort "Licak" (der Rechner) zu etablieren. Durchgesetzt hat sich aber der "Computer".
Das Ganze ist ein Spagat. Deshalb wird Jana Schulz im neuen Wörterbuch mehrere Varianten anbieten: einmal den Internationalismus und dann die sorbische Umschreibung. Jana Schulz: "Und dann müssen wir sehen, was sich etabliert."