19 Jahre jung, sportlich erfolgreich, glücklich mit Freund und Familie – das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite stehen ein oft verschmähter Rollstuhl, viele Schmerzen und unschöne Begegnungen mit verständnislosen Zeitgenossen. „Es ist ganz gut“ , sagt die erfolgreiche Diskuswerferin, „dass ich von Geburt an mein Handicap habe. Da gewöhnt man sich dran und weiß, dass man im Leben eine große Klappe braucht.“
Zu früh geboren, mit den Beinen zuerst, Sauerstoffmangel und wohl auch eine schlechte Versorgung durch die Ärzte haben dazu geführt, dass die rechte Seite des Mädchens „mehr oder weniger“ gelähmt ist. „Wobei die Ärzte lange nicht wussten, ob ich überhaupt durchkomme. Und andere mit dieser Vorgeschichte sind viel schwerer behindert. Insofern hab’ ich Glück gehabt.“

Mit eisernem Willen
Glück, eine liebevolle Umgebung und einen eisernen Willen – mühsam kämpfte sie im Kindergarten darum, gegen alle Wahrscheinlichkeit auf ihren eigenen Beinen laufen zu können. Der Wille triumphierte über schwache Muskeln und Nervenzellen – doch heute hadert sie mit dieser Fähigkeit, die sie von anderen Rollstuhlfahrern unterscheidet. „Denn ich darf eigentlich nicht gehen, um meine Gelenke nicht noch weiter zu überlasten. Aber weil ich es noch kann, lasse ich den Rolli zu oft in der Ecke stehen.“ Schmerzen, Entzündungen, Krankheitsphasen sind der Preis dieser Freiheit. Gerade jetzt aber versucht Frances Herrmann, sich an den Rat ihrer Ärzte zu halten: Mit der Teilnahme an den Paralympics, die eigentlich nicht eingeplant war, steht viel auf dem Spiel. „Ich habe nie damit gerechnet, in Peking an den Start zu gehen“ , erzählt die Sportlerin. „Eigentlich hatte ich erst London 2012 im Auge.“ Die Saison aber lief so gut, mit Meistertiteln und Goldmedaillen, dass sie die Nominierung als Jüngste ihres Kaders schaffte.
Der Speer sei nicht wirklich ihre Herzensdisziplin, bei der Kugel käme es auf die Tagesform an, beim Diskus, da gäbe es allerdings gute Chancen, sagt die Sportlerin und erzählt auch gleich, wie wichtig ihr Trainer gerade in schwierigen Situationen ist. „Er muss ja für mich sehr viel mehr machen als andere Trainer – mich abholen, mich auf meinem Stehpult anschnallen, mir die Geräte holen. Dadurch ist die Beziehung wohl auch besonders eng.“ Deshalb habe er großen Einfluss auf ihre Psyche. „Und wenn mal etwas schief gelaufen ist, schafft er es wunderbar, dass mein Kopf wieder frei wird und ich motiviert bin.“ Trotzdem – die Sommerferien hatte sie sich anders vorgestellt. Statt in Ruhe mit ihrem Hund im heimischen Garten zu schmusen und zu lesen, ist jetzt zweimal täglich hartes Training angesagt.
„Schön ist anders“ , lächelt die 19-Jährige, die lieber mehr Zeit mit ihrer Mutter verbringen würde oder mit ihrem Freund, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt. Mit ihm spielt sie gern Basketball, als Ausgleich zum Einzelkämpfer-Dasein der Leichtathleten. Überhaupt – wo immer ihr die Behinderung eine Sonderrolle aufzwingt, sucht Frances Herrmann einen Weg zur Normalität.
Bis zur zehnten Klasse besuchte sie die Bauhausschule in Cottbus. „Was natürlich erstmal toll war, weil ich in Lübbenau nie beim Sport mitmachen konnte. Hier waren sie auf Behinderte eingestellt und haben Talente geweckt und Lust auf zunächst verhasste Wettkämpfe gemacht.“
Dann aber wollte Frances mehr, und mehr heißt eben mehr Normalität. So erkämpfte sie sich als erste Schülerin mit Handicap einen Platz auf der Lausitzer Sportschule. Die ersten zwei Jahre wohnte sie bei ihrer Großmutter in Cottbus, um nach den langen Schul- und Trainingstagen nicht auch noch Fahrprobleme bewältigen zu müssen. Jetzt wagt sie, mit einigen Bauchschmerzen, den Sprung ins Internat. „Jemand, der nicht behindert ist, muss ja erstmal klarkommen damit, dass ich länger im Bad brauche oder so.“
Und dann auch Stolz dort, wo er die eigentlichen Schattenseiten des Sports berührt. Aber Frances Herrmann ist tatsächlich stolz, dass für sie genau die gleichen Doping-Kontrollen gelten wie für alle anderen Athleten auch. „Wir bekommen nur eine Ausnahmegenehmigung für bestimmte Schmerzmittel, müssen uns sonst aber an strengste Auflagen halten.“ Hier wie auch in der besseren Sendezeit für die Paralympics im Fernsehen sieht sie vorsichtige Signale für mehr Akzeptanz des Behindertensports. „Vielleicht“ , so sagt sie nachdenklich, „ist es überhaupt alles eine Generationenfrage.“ Mit Leuten ihren Alters gebe es ohnehin wenig Probleme oder Berührungsängste, je älter aber ihr Gegenüber, umso komplizierter manche Begegnung.

Auch trübe Tage
Es gibt so Tage, wenn ihr mal wieder ein Rentner den Behindertenplatz in der Straßenbahn streitig machen will, wenn die Schmerzen über das Normale hin ausgehen und die Lähmungen den Körper fremd und schwer machen, dann, so sagt sie, hat sie manchmal einfach keine Lust mehr.
Aber dann kommt wieder so ein Wochenende, wenn zu Hause alle Zeit füreinander haben und einfach nur eine ganz normale Familie sein können. Dann spürt sie wieder ihre Kraft und ihre Lust zu leben. Freut sich auf Peking, das wohl legendäre Essen im olympischen Dorf und auch auf die Chinesische Mauer. „Da fährt man wohl noch mal acht Stunden mit dem Bus, aber was sein muss, muss sein.“

Region und Paralympics
  Der LC Cottbus wird mit vier Athleten bei den Paralympics in Peking vertreten sein. Als Medaillenkandidat sieht Landestrainer Paulo Stefan Bäumann. Der aus dem niedersächsischen Gifhorn stammende Handbiker war 2006 Weltmeister und 2007 Dritter beim Weltchampionat. Ebenfalls für Cottbus starten Rollstuhlsprinterin Yvonne Sehmisch aus Herzberg, die 2007 Europameisterin war, der aus Borgsdorf bei Oranienburg kommende Sprinter Mathias Schmidt und die Diskuswerferin Frances Herrmann aus Lübbenau. Auch am Start sind die Begleitläufer Tobias Köhre und Sylvio Freud . Aus Hoyerswerda geht der Schwimmer Roy Tobis in Peking an den Start.