Zwar wies Merkel die Berichte über ihre angebliche Kritik am Minister gestern rasch zurück und ließ erklären, Jung mache "einen exzellenten Job". Doch selbst das Verteidigungsministerium hatte mit dem forschen Vorstoß zum Abzug vom Balkan seine Mühe. Denn zunächst hatte der Minister einen Rückzug aus Bosnien-Herzegowina noch vor Ende des Jahres in Aussicht gestellt. Doch schon wenige Stunden später machte sein Sprecher klar, dass dieser voraussichtlich erst Anfang 2007 beginnen könne.

Robustes Mandat statt Kampfeinsatz
Bosnien war nicht der erste Vorstoß, mit dem Jung bei Freund und Feind für Überraschung sorgte. So trieb er unter anderem mit seinen Plänen zum Bundeswehreinsatz im Inneren die SPD auf die Palme. Als der Minister im August das Bundeswehr-Engagement im Libanon als "Kampfeinsatz" charakterisierte, rückte Merkel das hinterher zurecht: ",Robustes Mandat‘ ist glaube ich die richtige Beschreibung."
Parteifreunde sind von Jung auch irritiert, etwa wenn der Minister in strategischen Fragen einen zu engen Schulterschluss mit den USA probt. So äußerte sich der Minister wohlwollend über Bestrebungen der USA, den Handlungsradius der Nato über den atlantischen Raum hinaus bis zum Pazifik auszudehnen. Ob es eine Ausweitung geben werde, sei nicht das "Privatvergnügen" des Ministers, schimpfte der CDU-Abgeordnete und ehemalige Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer, in einem Brief an Jung. Eine solche Ausdehnung würde die Nato aus dem Rechtsrahmen der Vereinten Nationen lösen.
Bei so viel Schelte tritt in den Hintergrund, dass sich der Minister nach Veröffentlichung der Totenkopf-Fotos aus Afghanistan als rascher Aufklärer profilieren konnte. Innerhalb kürzester Zeit konnte die Bundeswehr Urheber jener Aufnahmen dingfest machen, die allerorts für Entsetzen gesorgt hatten. "Es ist unser Interesse, hier schnellstmöglich Klarheit und Aufklärung zu schaffen", kündigte Jung an - und erntete dafür Zustimmung von allen Seiten. Allerdings überschattete der Skandal die lange erwartete Präsentation des Weißbuchs zu den Grundlagen der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
Zum Vorteil gereicht es dem Minister in der Totenkopf-Affäre, dass die Vorgänge allesamt nicht in seine Amtszeit fallen, sondern in die seines Vorgängers Peter Struck (SPD). Schließlich ist der am 5. März 1949 als Sohn eines Winzers im hessischen Erbach geborene Jung erst seit einem Jahr auf dem Berliner Parkett präsent. Als Vertrauter von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) war er im November 2005 ins Bundeskabinett gekommen, nachdem er sich zuvor ganz der Landespolitik gewidmet hatte.

Vor schwieriger Nahost-Reise
Offenbar hat Jung es gelernt, in der Politik auch schwierige Zeiten zu überstehen. Doch stand er in den vergangenen Monaten wie kaum ein anderer Minister der großen Koalition in der Kritik. Im Moment ist im Parlament der Unmut über Jungs Ministerium wieder groß; die verwirrenden Informationen zum Libanon-Einsatz verärgerten die Opposition. Und auch Jungs Reise nach Nahost in dieser Woche dürfte wegen der Zwischenfälle mit Israels Luftwaffe nicht einfach werden.