„Ohne die Wende hätte für mich der Ärger wohl nie aufgehört“, sagt Christina Finke, die im Jugendwerkhof Hummelshain saß, als die Mauer fiel. Bis heute leiden viele der Betroffenen an den psychischen Folgen und kämpfen um Entschädigung.

„Ich war ein Punk und sah dementsprechend aus“, erzählt Finke. Mit 13 sei sie in ein Kinderheim, mit 14 in ein Spezialkinderheim und mit 15 schließlich in den Jugendwerkhof südlich von Jena im heutigen Thüringen gekommen. Dort sei jeder Tag straff durchorganisiert gewesen, erinnert sie sich.

Sie seien schikaniert worden. „Ich weiß von einem Mädel, das nachts um das Schloss rennen musste“, sagt die 36-Jährige, die heute in der Nähe von Eisenach lebt. Auch in den Gruppen habe es immer wieder Gewalt gegeben. „Hummelshain war aber noch relativ human im Vergleich zu anderen Jugendwerkhöfen.“

Vom Fall der Mauer habe sie von einem Erzieher erfahren. „Wir haben den erstmal für verrückt erklärt“, sagt Finke. Dann sei der Umgang lockerer und der Jugendwerkhof immer leerer geworden. Sie wurde Anfang 1990 entlassen. „Ich war 17 und dachte, die Welt liegt mir zu Füßen.“ Endlich habe sie ihre Meinung sagen können.

Auflösung vor 8. November

Noch weniger von der Außenwelt bekamen die Jugendlichen im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau mit, der von ehemaligen Insassen häufig mit den Worten „schlimmer als Knast“ beschrieben wird. Mehr als 4000 Teenager mussten dort von 1964 an Demütigungen sowie körperliche und psychische Gewalt ertragen – ohne dass für die Einweisung ein Gerichtsurteil nötig war.

Schon vor dem 9. November begann die Auflösung. „Wenige Tage vor dem Mauerfall kam eine telefonische Anweisung aus Berlin vom Ministerium für Volksbildung, dass alle Jugendlichen in ihre Stammjugendwerkhöfe zurückgeschickt werden sollen“, berichtet Gabriele Beyler vom Dokumentations- und Informationszentrum Torgau. Der letzte Insasse habe das Gebäude mit hohen Mauern und Gittern am 17. November 1989 verlassen. Dann begann die Spurenbeseitigung. Beyler: „Die Gitterfenster wurden abgeschweißt, die Türen erneuert, der Lichtschacht zugemauert, die Arrestzellen tapeziert.“

Doch die tiefen Wunden in den Seelen vieler Jugendlicher sind nicht verschwunden. „Die Mehrzahl ist heute noch traumatisiert“, sagt Beyler. Es gebe Erfolgsgeschichten von einstigen Insassen, die heute als Rechtsanwalt oder Wissenschaftler arbeiteten. Doch viele hätten mit beruflichen Teilabschlüssen nur geringe Chancen, seien arbeitslos und sozial isoliert.

Auch Ralf Weber saß in Torgau. Er erzählt von brachialer Gewalt, mit der die Jugendlichen zu sportlichen Höchstleistungen gezwungen wurden, von tagelangem Einzelarrest und Übergriffen der Angestellten. Nach einem Arbeitsunfall nahm er 1993 den Kampf um Entschädigung für die Zeit in Heimen und Jugendwerkhöfen auf. Er zog bis vor das Bundesverfassungsgericht. Von den Behörden fühlte er sich im Stich gelassen. Sie hätten stets nach den DDR-Akten entschieden. „Selbst von Richtern musste ich mir anhören: Jemanden wie Sie hätten wir auch in der Bundesrepublik Deutschland eingesperrt.“

Kampf und Resignation

Doch er gab nicht auf: Seine Einweisung in den Torgauer Jugendwerkhof wurde 2004 vom Berliner Kammergericht als rechtsstaatswidrig eingestuft. Und das Bundesverfassungsgericht entschied im Mai, dass nun auch frühere DDR-Heimkinder und Insassen von Jugendwerkhöfen entschädigt werden könnten. Aber nur, wenn die Einweisung politische Motive hatte oder unverhältnismäßig war.

Der Invalidenrentner Weber kämpft jetzt noch um die Anerkennung mehrerer Arbeitsjahre im Jugendwerkhof für die Rente. Dagegen hat Christina Finke resigniert. Die Mutter einer Tochter lebt von Hartz IV und hat mit Depressionen zu kämpfen. Sie hofft nun auf eine Therapie. Und sie will einen Internet-Shop aufbauen – wenn sie nicht wieder von den psychischen Folgen ihrer schweren Jugend zurückgeworfen wird.