Ein Beweisfoto im Abendlicht. Elvira Profé-Mackiewicz nimmt die Hand ihres Mannes Fortunat, beide lächeln. Dass sie hier jetzt - mit über 80 Jahren - gemeinsam am Straßenrand von Mieszkowice stehen, unweit des brandenburgischen Wriezen, scheint ihnen selbst ein bisschen unwirklich. Doch das Foto ist der Beweis: Manchmal schreibt das Leben eben auch Geschichten mit Happy End.
Dass die Fabrikantentochter aus Bärwalde und der Bauernsohn aus der Nähe von Vilnius, der heutigen Hauptstadt Litauens, sich überhaupt begegneten, wäre ohne die Wirren der Nachkriegszeit nie möglich gewesen. Noch bis Ende 1944 war das Leben in Bärwalde für die Familie Profé beschaulich gewesen. Elviras Vater Walter besaß eine Fabrik für Zollstöcke und Wasserwaagen. In der Nacht vom 31. Januar 1945 dann war für die Familie nichts mehr wie zuvor.
Die deutsche Bevölkerung von Bärwalde musste weichen, weil die Rote Armee hier ihre Truppen für den bevorstehenden endgültigen Schlag auf Berlin konzentrierte. Für eine sichere Rettung aus den grenznahen Gebieten war es da schon zu spät. Elvira Profé wurde von den Eltern getrennt. Wie viele Bärwalder kam die damals 19-Jährige in ein Arbeitslager. Zunächst in das nur wenig östlicher gelegene Soldin (Mysliborz), wenig später dann wurde sie zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert. Und während sie mit anderen Deutschen aus Bärwalde in einem Viehwaggon den Arbeitslagern von Workuta entgegen fuhr, machte sich Fortunat mit seiner Familie in die entgegengesetzte Richtung auf: nach Westpolen. Denn auch die Mackiewicz' hatten ihre Heimat verlassen müssen, die sich die Sowjetunion einverleibt hatte. Wie so viele Menschen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten sollten sie neue Wurz eln an der Oder schlagen.
Als im Juni nach wochenlanger Fahrt der Transport an der Oder ankam, hatte die polnische Lokalverwaltung für Bärwalde schon einen neuen Namen gefunden: Mieszkowice. "Man sagte uns, das Land gehöre Polen, das seien ,wiedergewonnene‘ Gebiete und die Deutschen seien alle ausgesiedelt worden", sagt Fortunat Mackiewicz. "Als wir nach Mieszkowice kamen, war hier kaum noch jemand." Zu diesem Zeitpunkt lebten nur noch 18 Deutsche in dem Ort. Vor dem Krieg waren es etwa 3800 gewesen. Elvira indes ahnte von den Veränderungen ihres Heimatortes nichts. Sie lag mit Scharlach im sibirischen Lazarett. Die schwere Arbeit am Straßenbau hatte sie krank gemacht. "Als ich zu nichts mehr zu gebrauchen war, sagte irgendwann eine Krankenschwester zu mir: ,Profé, hast Glick, bist auf Liste nach Deutschland.‘" Und so fuhr sie mit dem ersten Krankentransport, der das Lager verlies, wieder in Richtung Westen. Im Frühjahr 1946 traf sie in Frankfurt (Oder) ein. Zufällig erfuhr sie dort, dass ihre Eltern noch immer östlich der Oder lebten. "Mein Vater reparierte die Turbinenanlagen der Fabrik, die zugleich den Ort mit Strom versorgten, deshalb hatte er noch nicht gehen müssen", berichtet sie. Polnische Fischer brachten Elvira Profé schließlich nachts über die Oder.
An ihr erstes Treffen erinnert sich Fortunat Mackiewicz genau: "Ein schmales, blasses Mädchen, das bei meiner Mutter um Milch bat." Liebe auf den ersten Blick sei es für ihn nicht gewesen. "So ärmlich wie sie war. Sie war keine Prinzessin", sagt er und blickt liebevoll zu seiner Frau hinunter. Sie widerspricht: "Bei mir schon. Ich konnte gar nicht aufhören, ihn anzusehen."
Doch viel Zeit, über Gefühle nachzudenken, hatte Elvira Profé nicht. "Wir kämpften mit dem Hunger. Es gab kein Geld für die Deutschen, die hier noch arbeiteten", sagt sie. Und so verbrachte sie viel Zeit auf dem Hof der Mackiewicz'. Wann genau aus Freundschaft Liebe wurde, kann das Paar heute nicht mehr sagen. Eine Liebe zwischen der Deutschen und dem Polen war jedoch nur im Verborgenen möglich. Ein Versuch Forteks, bei der Polizei die Erlaubnis einzuholen, Elvira zu heiraten, wurde vom Polizeikommandanten mit barschen Worten abgelehnt.
Die Familie Profé war dann unter den letzten Deutschen, die im Herbst 1947 Mieszkowice verließen. "Man gab uns eine halbe Stunde, um einige Sachen zu packen", erinnert sich Elvira: "Wir haben vereinbart, uns keine Briefe zu schreiben. Wir hatten Angst, dass sie uns für Spitzel halten", sagt sie uns blickt zu ihrem Mann.
Die Profés gingen zunächst ins Oderbruch, wo Geschwister des Vaters lebten. Elvira beendete in Berlin eine pädagogische Ausbildung und arbeitete bis 1950 als Berufsschullehrerin. Als der neugegründete Betrieb von Walter Profé nach der Gründung der DDR ein weiteres Mal enteignet wurde, floh die Familie in den Westen. Sie landeten im westfälischen Ort Löhne, wo Walter Profé noch einmal eine Zollstockfabrik aufbaute. Seine Tochter zog wenig später nach Westberlin. "Ich habe immer viel gearbeitet, mehr als andere", erinnert sie sich. "Vielleicht wollte ich damit auch manches vergessen machen." Doch ganz gelang ihr dies nie: "Ein Teil meines Herzens blieb immer jenseits der Oder."
Nach der Grenzöffnung wollte Elvira Profé nicht mehr länger warten und machte sich im Herbst 1991 zum ersten Mal auf den Weg in die alte Heimat. "An der Grenze schlug mein Herz bis zum Hals". Ihre Augen glänzen feucht, als sie sich an den Moment erinnert, als sie nach all den Jahren das erste Mal wieder vor der elterlichen Fabrik stand: Dort wurden noch immer Zollstöcke gefertigt. Doch ihre Jugendliebe suchte sie vergeblich.
Fortunat Mackiewicz war mit seinen Eltern schon vor langer Zeit in die Masuren gezogen. Weg von Erinnerungen. Durch eine alte Dorfbewohnerin erfuhr Fortek Mackiewicz dennoch vom Besuch seiner Jugendliebe und schrieb ihr einen Brief. Elvira Profé kann sich genau an ihr Zögern erinnern, als sie die Post in den Händen hielt. Schließlich antwortete sie doch und vereinbarte ein Treffen am Bahnhof von Mieszkowice. Würden sich die beiden wiedererkennen? "Als ich Fortek sah, wurde ich mit jedem Schritt ruhiger", beschreibt Elvira Profé. Auch ihm ging es nicht anders: "Es war, als hätte es die 50 Jahre dazwischen nicht gegeben."
Vor neun Jahren bauten die beiden in Mieszkowice ein Haus, im vergangenen Jahr heirateten sie. Auch der Heimatort hat Elvira Profé aufgenommen, fremd wie nach dem Krieg fühlt sie sich schon lange nicht mehr. "Die Nationalität spielt keine Rolle mehr", sagt Fortunat Mackiewicz und streicht seiner Frau über die Schulter. Die nickt: "Wir sind zu Hause angekommen."