2004 schätzte der Kinderschutzbund die Zahl auf 700 000 Jungen und Mädchen, die nach der Schule ihr eigenes Geld verdienen. Noch liegen keine neueren Erhebungen vor, aber weil sich die Zahl der armen Kinder in Deutschland seit demselben Jahr auf 2,5 Millionen fast verdoppelt hat, "muss man davon ausgehen, dass auch deutlich mehr Kinder versuchen, etwas dazu zu verdienen", heißt es beim Kinderschutzbund.

Keine Seltenheit
Früher ging man mit 14 Jahren in die Lehre, "heute werden die Jugendlichen in einem ähnlichen Alter aktiv", berichtet Claus Tully vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Handys und Markenklamotten sind teuer: "Etwa ein Drittel der Jugendlichen ab dem neunten Schuljahr arbeitet. Mit steigender Tendenz." Die "Kommerzialisierung des Jugendalters" treffe diese Altersgruppe voll, es müssen die neuesten Handys, die besten Jeans, die teuersten MP3-Player gekauft werden. 50 Prozent ihres selbst verdienten Geldes geben 14-Jährige nach Angaben Tullys für neue Medien aus. Laut Kinder- und Jugend-Arbeitsschutzgesetz ist Arbeit für Kinder unter dieser Altersgrenze generell verboten. Ab 14 Jahren dürfen sie leichte Tätigkeiten zwei Stunden am Tag verrichten. Experten wissen jedoch um die Dunkelziffer, die es gibt: Zwölfjährige, die jobben, sind offenbar keine Seltenheit mehr.
Dadurch, dass die familiären Budgets in den letzten Jahren knapper geworden "und nicht gewachsen sind, können die Eltern nicht mehr so viel weiterverteilen", hat Wissenschaftler Tully festgestellt. Nach Einschätzung des Kinderschutzbundes geht es Kindern und Jugendlichen nicht mehr nur darum, ihr Taschengeld aufzubessern, wenn sie Prospekte verteilen oder in Cafés aushelfen: "Jugendliche werden auch von den Eltern dazu motiviert, um für den Lebensunterhalt der Familien beizutragen."

Mädchen stellen sich besser
Beim Deutschen Kinderhilfswerk sieht man dies ähnlich: Zwar sei die Motivation eindeutig auf Statussymbole ausgerichtet. "Die hohe Kinderarmut führt jedoch dazu, dass Kinder und Jugendliche verstärkt auf den Arbeitsmarkt drängen", weiß Sprecher Michael Kruse. Ein Anstieg der Zahl derer, die zum Haushaltseinkommen beitragen muss, "ist daher zu vermuten".
"Es gibt nicht genug Jobs für Jugendliche", erklärt zudem Claus Tully. Vor allem diejenigen, die nicht so dringlich zusätzliches Geld bräuchten, "kommen eher an Nebentätigkeiten als andere". Das habe vor allem etwas mit der sozialen Vernetzung der Eltern und den Kontakten der Kinder zu tun.
Auch gebe es keinen Widerspruch zur Schulleistung, wenn Jugendliche nebenher arbeiten würden. Und: "Mädchen stellen sich besser, weil sie sowohl Jobs wie Zeitungen austragen als auch Babysitten annehmen. Das macht kaum ein Junge."