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| 01:25 Uhr

Joachim Gauck: „Manchmal wird Unerwartetes Wirklichkeit“

Joachim Gauck plädiert für mehr Volksabstimmungen und Arbeit in Ehrenämtern. Foto: ddp
Joachim Gauck plädiert für mehr Volksabstimmungen und Arbeit in Ehrenämtern. Foto: ddp FOTO: ddp
Berlin. In der Bundesversammlung hat Joachim Gauck keine rechnerische Mehrheit. Der rot-grüne Präsidentschaftskandidat baut auf die Resonanz vieler Menschen“, die ihn in seiner Kandidatur bestärkt haben. Im RUNDSCHAU-Interview ruft der 70-jährige ehemalige DDR-Bürgerrechtler die Bevölkerung zu aktiver politischer Mitgestaltung auf. Mit Joachim Gauck sprach Stefan Vetter

Herr Gauck, bei Ihrer Vorstellung in München kam es zu einem tragischen Verkehrsunfall mit einem Schwerverletzten. Hat das Ihre Seelenlage verändert?
Jeder Mensch wird nachdenklicher, wenn er neben jemanden steht, der mit dem Leben ringt. Der Unfall ging mir nahe, und ich bin sehr froh, dass der junge Radfahrer gute Chancen hat, wieder vollständig zu gesunden.

Im Regierungslager wächst die Zuversicht, dass kaum einer für Sie stimmen wird. Glauben Sie immer noch an einen Sieg?
Natürlich kann ich rechnen. Von daher habe ich zunächst nicht die Erwartung, als erster über die Ziellinie zu gehen. Aber mein Leben hat mich gelehrt: Manchmal wird Unerwartetes Wirklichkeit. Insofern bin ich da ganz gelassen.

Für diese Wunder brauchen Sie die Stimmen der Linken, die halten Sie aber für nicht wählbar.
Ich kann, ich will mich nicht verbiegen, um auch noch den Letzten aus der Linkspartei zu gewinnen. Dafür bin ich nicht zu haben.

Am morgigen Dienstag sind Sie in der Linksfraktion zu Gast. Was werden Sie dort sagen?
Wenn es interessiert, werde ich über meine Vorstellungen von einer solidarischen Gesellschaft sprechen, meine Sicht auf die soziale Marktwirtschaft und den Rechtsstaat erläutern. Und ich werde davon reden, wozu uns auch heute die Freiheitsliebe ermutigt, die vor 20 Jahren die Menschen im Osten mit dem Satz “Wir sind das Volk„ auf die Straßen brachte. Aber man wird mir dort möglicherweise auch andere Fragen stellen.

Zum Beispiel die nach Privilegien, die Sie nach Ansicht einiger Linker als Pfarrer in der DDR gehaben haben sollen?
Das ist ein trauriger, ein empörender Umgang mit der Wahrheit. Meine Kinder durften weder Abitur machen, noch studieren. So ging dieser Staat damals mit den Zukunftswünschen meiner Familie um. Meine Söhne mussten außer Landes gehen, um die Berufe erlernen zu können, die sie heute ausüben. Wenn jetzt die verwöhnten Kinder der roten Bourgeoisie von einst so über mich urteilen, dann ist dies erbärmlich und hat mit politischer Aufklärung nichts zu tun.

Warum gehen Sie dann überhaupt noch zu den Linken?
Ich habe eine höfliche Einladung von Gregor Gysi bekommen. Da will ich nicht ausschließen, dass ein wirkliches Interesse am Gedankenaustausch besteht. Nach meiner Erfahrung sind viele Jüngere in der Linkspartei weniger voreingenommen als die Älteren.

Sie finden den Bundeswehreinsatz in Afghanistan richtig, wann soll dieser Einsatz denn Ihrer Meinung nach enden?
Um es klar zu sagen: Ich finde den Einsatz nicht gut, aber erträglich und gerechtfertigt. Und es ist schon sehr merkwürdig, dass eine politische Richtung, die Jahrzehnte lang den bewaffneten Befreiungskampf in Afrika und anderswo bejubelt hat, nun einen Radikalpazifismus pflegt. Das ist ein taktischer, aber kein ethischer Pazifismus.

Das beantwortet nicht die Frage.
Ich werde mir jetzt nicht anmaßen, den Politikern und Militärs, die sich um eine Ausstiegsstrategie bemühen, Ratschläge zu erteilen. Die Bundeswehr ist im Uno-Auftrag in Afghanistan. Nicht, um dort Land zu erobern, sondern um Menschen vor Terror zu schützen. Schon deshalb ist eine Gleichsetzung mit den Kriegen der Vergangenheit politisch falsch und moralisch verwerflich.

Viele empfinden das Sparpaket als sozial ungerecht. Sie auch?
Ja, ich habe damit Probleme. Wenn gespart werden muss, sollen alle Bevölkerungsgruppen je nach ihren Möglichkeiten die Lasten tragen. Dass reichere Menschen dann einen größeren Anteil beitragen, ist nahe liegend und viele von ihnen sind ja dazu auch bereit. Wenn den Menschen mit den geringsten Einkünften der Heizkostenzuschuss gestrichen wird, aber die oben gar nichts spüren, dann stimmt etwas nicht.

Horst Köhler hatte Afrika als sein Schwerpunktfeld betrachtet. Welches würden Sie als Bundespräsident beackern wollen?
Wenn dieser Fall wirklich eintreten sollte, wäre mir die Ermutigung der Menschen zur Mitgestaltung ein besonderes Anliegen. Als Autor und Vortragsreisender spreche ich häufig darüber, dass die Probleme nicht wie ein unabwendbares Schicksal vor uns stehen. Wir haben die Phantasie und die Kraft, den Krisen zu begegnen.

Das klingt ziemlich abstrakt.
Nein, das ist ein ganz konkreter Aufruf, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Schicksal, aber auch für das Gemeinwesen. Ich will nicht in einem Land leben, in dem sich immer mehr Menschen von der Ebene des politischen Handelns entfernen und ihre Erfüllung nur noch im Konsum sehen. Diese Haltung ist für mich Ohnmacht ohne Diktatur, dagegen möchte ich etwas unternehmen.

Ihr Vorschlag?
Eine Möglichkeit sind mehr Volksabstimmungen insbesondere auf der Ebene der Bundesländer und Kommunen. Denn seit Langem wird darüber debattiert, wie der Bevölkerung ihre Demokratie näher gebracht werden kann. Und wir brauchen eine deutliche Ermutigung zum Engagement in Parteien wie auch in Ehrenämtern.