Einen Termin für die gesetzlich vorgeschriebene Beratung hat Silvana schon, ihr Entschluss wird sich jedoch auch nach dem Besuch bei Pro Familia nicht ändern. „Sicher, die können mir finanzielle Hilfen anbieten. Aber ums Geld geht es gar nicht. Jede Frau, die einigermaßen bei Verstand ist, weiß doch mittlerweile, dass man sich auf die Männer nicht mehr verlassen kann.“ Aus eigener Erfahrung kennt sie den Kampf um Unterhalt und Unterstützung. „Bei vielen Männern hört es doch schon auf, wenn sie ihrer schwangeren Freundin zuliebe nicht mehr in der Wohnung rauchen sollen. Dass da mal einer zum Elternabend geht, zum Kinderarzt oder einfach mal irgendwie Zeit oder Kraft für die Kinder aufbringt, ist total selten.“
So wie Silvana entschieden sich im vergangenen Jahr 4185 Frauen in Brandenburg und 6490 in Sachsen für einen Abbruch. Die Zahlen weisen seit einigen Jahren einen leichten Abwärtstrend auf. Unklar ist, ob dieser Trend allein der demografischen Entwicklung geschuldet ist oder ob er mit einer generell veränderten Einstellung zum Thema Familienplanung zu tun hat.
„Nichts ist nämlich so kompliziert wie die Entscheidung von Frauen und Männern für oder gegen ein Kind“ , erklärt Tatjana Böhm, Referatsleiterin der Gesundheitsabteilung im brandenburgischen Sozialministerium. „Manchmal kommt die Schwangerschaft einfach zu einem falschen Zeitpunkt. Die Frauen sagen: Jetzt bloß kein Kind. Manchmal sind sie bereits Mütter und haben die Familienplanung abgeschlossen. Oft fehlt es ihnen auch einfach an dem richtigen Mann.“
Eine Erfahrung, die Cornelia Grösel vom Deutschen Roten Kreuz bestätigt. Die Sozialpädagogin bietet in Spremberg Schwangerschafts- und Konfliktberatung an - gesetzliche Bedingung vor einem Schwangerschaftsabbruch. „Frauen, die ungewollt schwanger werden, kümmern sich in der Regel sehr wohl um Verhütung. Das Klischee der leichtsinnigen Frau, die es einfach darauf ankommen lässt, stimmt also nicht.“
Außerdem kämen nicht vorrangig unerfahrene junge Mädchen, die bei ihren ersten Sexualkontakten schwanger werden. „Für viele Frauen ist es heute auch mit Anfang 20 noch zu früh für die Familiengründung“ , so Cornelia Grösel. „Ausbildung und Studium oder erste Berufserfahrungen gehen manchmal vor.“ Andere Frauen führen Schulden oder eine schwierige Partnerschaft an, manche seien auch einfach überfordert mit Kindern, die sie bereits haben. „Und wenn die Frauen über 40 sind, wollen sehr viele einfach keine Kinder mehr.“
Über all diese Gründe können die Schwangeren in der Beratung sprechen. „Unser gesetzlicher Auftrag ist es, jeder Frau Wege zu zeigen, wie sie sich vielleicht doch noch für das Kind entscheiden kann“ , so die Sozialarbeiterin. „Letztlich haben wir dabei immer das Wohl der Mutter im Auge. Sie muss die Entscheidung treffen, sie muss auch mit den Konsequenzen leben.“
Die Beratungsstellen des Roten Kreuzes, der Kirchen und Pro Familia weisen die Frauen auf staatliche Unterstützungsmöglichkeiten hin, vermitteln Mutter-Kind-Kuren oder Erziehungshilfen. „Aber eine Frau, die mit einem festen Entschluss in die Beratungsstelle kommt, lässt sich in den seltensten Fällen umstimmen“ , so Cornelia Grösel. Frauen, die tatsächlich unsicher seien, die könne man unterstützen beim Ja zum Kind. „Das sind Frauen, die einen Abbruch einfach nicht übers Herz bringen, oder auch solche, die über Hilfsangebote nicht genügend informiert waren.“
Den Nachweis über die erfolgte Beratung müssen die Stellen in jedem Fall ausstellen. „Keine Frau ist gezwungen, sich hier in irgendeiner Form zu rechtfertigen. Wir entscheiden nicht, ob ihre Gründe gut oder weniger gut sind. In der Beratung soll nur sichergestellt werden, dass die Schwangere alle Informationen hat, die sie für ihre ganz persönliche Entscheidung braucht.“
Bei Silvana S. war eine Verhütungspanne Schuld an der ungewollten Schwangerschaft. „Der Abbruch wird nicht leicht zu verkraften sein. Denn eigentlich liebe ich Kinder. Gerade wenn man schon mal welche zur Welt gebracht hat, weiß man, wie wunderschön das sein kann. Aber ich bin an der Grenze meiner Kraft. Noch ein Kind schaffe ich eben einfach nicht.“

zum thema Wer trägt die Kosten des Abbruchs?
 Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes dürfen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für einen Abbruch nur übernehmen, wenn er medizinisch oder kriminologisch begründet ist.
Frauen, deren Einkommen über 933 Euro monatlich liegt (pro Kind erhöht sich die Grenze um 227 Euro), müssen den Eingriff selbst zahlen. Bei Frauen, deren Einkommen darunter liegt, übernehmen die Länder die Kosten.
Für Sachsen waren das im vergangenen Jahr 2,07 Millionen Euro. Davon wurden 6524 Abbrüche bezahlt (80,4 Prozent aller Abtreibungen).
In Brandenburg wurden 2006 die Kosten für 4461 Schwangerschaftsabbrüche erstattet (1,7 Millionen Euro). Die Zahl ist dabei nicht identisch mit den 2006 tatsächlich vorgenommenen Abbrüchen, da die Rechnungslegung nicht in jedem Fall im gleichen Jahr wie der Abbruch erfolgt. Während Sachsen 2005 über eine Bundesratsinitiative versuchen wollte, die Einkommensgrenzen für die Kostenübernahme zu senken, hält Brandenburg die gegenwärtige gesetzliche Lösung zur Kostenerstattung für angemessen. Claudia Szczes vom Sozialministerium: „Die Mehrzahl der Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, befindet sich in einer persönlichen, wirtschaftlichen und sozialen Notlage. Eine Senkung der Einkommensgrenzen würde angesichts der Kosten - etwa 500 Euro pro Abbruch - einkommensschwache, erwerbstätige Frauen erheblich benachteiligen.“