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Jethro Tull, ACDC und Rammstein

Vor der Wende machten „die anderen Bands“ in den Jugendklubs und Konzerthäusern Mitte bis Ende der 80er-Jahre ordentlich Dampf. Nach der Wende war so ziemlich jede angesagte Gruppe in der Lausitz. Von Heiko Portale

Der Mauerfall brachte auch dem Konzertpublikum in der Lausitz Möglichkeiten, von denen vor der Wende kaum einer zu träumen wagte. Auf einmal waren Bands in der Region zu sehen, deren Platten man einst als Bückware im dreistelligen Mark-Bereich handelte. Während bis 1989 vor allem die als "die anderen Bands" bekannt gewordene Underground-Bewegung viele junge Leute in die Jugendklubs und Konzertsäle strömen ließ - unter anderem auch wegen der, für DDR-Verhältnisse, revolutionären Gedanken, die dieser Musik innewohnten -, versiegte direkt mit dem Mauerfall das Interesse für diese Bands. Die Veranstalter reagierten auf den veränderten Musikgeschmack ihres Publikums und engagierten Bands aus Westdeutschland und dem Ausland. Makarios, Sänger und Kopf der Leipziger Band Die Art, sagte vor ein paar Jahren schon stellvertretend für viele andere Musiker: "Die Leute wollten uns damals einfach nicht mehr sehen. Das war schwer für uns."Viele Menschen zogen inzwischen weg, vielfach war zu hören, dass hier nichts los sei. Wenn man sich aber mal vor Augen führt, wer in der Region in den vergangenen 20 Jahren alles gespielt hat, gibt das ein anderes Bild. Das Angebot reicht unter anderem von Bob Dylan und Jethro Tull, über ACDC, Rosenstolz, Herbert Grönemeyer, Die Ärzte, Seeed, Mando Diao, Massive Attack, Motörhead, The Weakerthans, Black Eyed Peas, Laibach, Cassandra Complex bis zum Abschlusskonzert der Böhsen Onkelz auf dem Lausitzring mit rund 100 000 Besuchern. Diese Liste ließe sich ohne Problem lange fortsetzen. Zwei Lausitzer, ein Klubbesitzer und ein ehemaliger Band-Techniker, erzählen an dieser Stelle jeweils eine Episode aus 20 Jahren Nachwende-Musikgeschehen:Frank Liebscher, Chef des Klubs "Landei" in Lugau:20 Jahre Mauerfall bedeuten auch 20 Jahre Landei Lugau - als eifrige Besucher von Punk-Konzerten in Berlin vor und nach der Wende hatten wir in Lugau die Vision, auch in der beschaulichen Provinz etwas Ähnliches zu machen. Diese Möglichkeit bot sich mir im Landei Lugau, wo schon lange vor der Wende Konzerte mit Bands wie Die Vision, Die Art, Inflagranti, Sandow, WK13 und Die Anderen stattfanden.Durch Kontakte zu einschlägigen Konzertagenturen in Berlin gelang es Anfang/Mitte der 90er-Jahre, selbst große Bands aus der deutschen und vor allem amerikanischen Punk/Hardcore-Szene in das 500 Seelen Dorf Lugau zu holen. Mit riesigen Nightlinern kamen Bands wie Ignite, Snapcase, Refused, Agnostic Front, Rykers, Sheer Terror, Slapshot oder Madball. Lugau war bevölkert von Amis, die sich natürlich für die Lebensweise in der ostdeutschen Provinz interessierten. Am Landei-Tresen saß die ältere Bevölkerung von Lugau sich unterhaltend (so gut es ging) mit Dennis Lyxzen von Refused oder Jack, dem Sänger von Slapshot. Noch heute sieht man Leute auf der Straße mit (abgewetzten) T-Shirts von Hardcore-Größen, die zum Teil im Lugauer Landei bei einem Konzert erworben wurden.Robert Otte, Ex-Band- Techniker bei Sandow:Als Anfang der 90er-Jahre Rammstein noch Vorband von Sandow war und man mitten in der gemeinsamen Tour durch "Ostdeutschland" steckte, ergab sich eine kleine Anekdote aus der Ära Rockstar. Nach einer Show in einem Rostocker Klub kamen beide Bands inklusive der Technikcrew etwas abgespannt, aber dennoch guter Dinge, in einem Hotel in Rostock an. Es hatte starke Ähnlichkeit mit dem in Cottbus bekannten "Hotel Lausitz". Mit den Worten "Ah, unsere letzten Gäste" wurden wir empfangen. Auf die Frage, was das bedeute, hieß es: "Das Hotel wird demnächst abgerissen." Eine derartige Partyeinladung bekommt man ja echt selten. Die "stillen Teile" der einzelnen Combos zogen sich zurück, aber der Rest hatte plötzlich ein Jucken in den Fingern. Einige Wortwechsel und Biere später wurde beschlossen, mit dem Abriss schon mal zu beginnen. Knickt man die Stehlampe mit der Hand ab? Wie viel Leute trägt ein Tisch? Passt die Schrankwand in den Fahrstuhl? Alles wurde probiert. Mit wachsender Begeisterung lebten sich die jungen Musiker so richtig aus, machten all die Späße, die sonst nur in den einschlägigen Zeitschriften stehen. Aufgewacht sind wir dann in einem Trümmerhaufen auf den übriggeblieben Schlafmöglichkeiten. Am nächsten Morgen beim Frühstück kam der Tourmanager ziemlich aufgelöst zum Buffet und verkündete, dass er wegen des entstandenen Schadens zum Hotelchef zitiert wurde. Eine Rechnung in astronomischer Höhe wurde uns präsentiert. Unsere Argumente, dass wir ja nur zum bevorstehenden Abriss beigetragen hatten, ließ man nicht gelten. So beschlossen wir erst einmal zu verschwinden. Wie das mit der Rechnung ausgegangen ist, kann ich auch aus heutiger Sicht nicht mehr beurteilen. Muss dann ja wohl doch mit unserer Idee, beim Abriss behilflich zu sein, geklappt haben.