Als Jemens Außenminister Dschamal Abdullah al-Sallal am Montag vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) in New York trat, wusste er nicht recht, wie er seinen Zuhörern die Lage im Jemen beschreiben soll. So berichtete er zunächst von der "Septemberrevolution" 2011, die die 33-jährige Herrschaft von Ali Abdullah Saleh und mit ihm "Ungerechtigkeit und Despotismus" beendet hatte. Doch dann sagte er auch, dass schiitische Rebellen seit einer Woche die Hauptstadt Sanaa besetzen und die Regierung in einen Friedensvertrag mit den Aufständischen einwilligen musste.

Der Jemen steht somit knapp drei Jahre nach dem Arabischen Frühling am Rande des Zerfalls. Über Monate hatten schiitische Huthi-Rebellen Militärstellungen im Nordjemen attackiert und schließlich Sanaa erobert. Gleichzeitig befindet sich der Süden des Landes unter ständigen Attacken von mit Al-Kaida verbundenen Terrorgruppen. Seit dem Wochenende richten die Terroristen nun ihre Angriffe gegen die schiitischen Rebellen. Die eigentliche Armee des Landes ist zwischen beiden Fronten längst bedeutungslos geworden.

Vor rund sechs Wochen hatten die Huthi-Rebellen einen Marsch auf Sanaa gestartet. Erst demonstrierten Zehntausende lange Zeit mit Sit-Ins und Straßenchören, schließlich nahmen die Rebellen am letzten Wochenende die Stadt im Handstreich. Bewaffnete Huthis besetzten das Verteidigungsministerium, vertrieben die Soldaten und patrouillieren seither in der Hauptstadt.

Der Anführer der Rebellen, Abdulmalik al-Huthi, lobte den Aufstand seines Volksstamms als "Revolution aller Jemeniten". Tatsächlich hatten die Huthis unter anderem die Wiedereinführung von gestrichenen Benzinsubventionen gefordert - ein Anspruch, der im Volk gut ankam. Knapp 55 Prozent der Bevölkerung lebt nach Angaben der Weltbank unter der Armutsgrenze. Doch mehr noch wollten die Rebellen Macht.

Die Huthi sind eine schiitische Minderheit im sunnitisch dominierten Jemen - und sie hoffen seit dem Arabischen Frühling auf politische Partizipation. Als Langzeitpräsident Saleh im Januar 2012 nach mehrmonatigen Massenprotesten - unter großer Beteiligung der Huthis - zurückgetreten war, fand sich für die Schiiten in der Nationalkonferenz, die einen demokratischen Übergang erarbeiten sollten, nur ein Platz in der zweiten Reihe. Nun haben sie sich die erste Reihe mit Waffengewalt erobert.

Ein von der UN vermittelter Friedensvertrag mit der Regierung sieht vor, dass beide Parteien eine neue Einheitsregierung aufstellen. Der alte Ministerpräsident des Jemen, Mohammed Basindawa, war im Chaos zurückgetreten. Doch trotz der Einigung bleiben die Huthis in der Hauptstadt und haben die Macht de facto übernommen.

Das ruft die Extremisten von Al-Kaida hervor. Deren Ableger Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) ist fest im Südjemen verankert. Am letzten Wochenende starteten AQAP-Anhänger gemeinsam mit Extremisten der verbündeten Gruppe Ansar al-Scharia mehrere Angriffe auf die schiitischen Kontrahenten. Die Dschihadisten schossen auf Autos oder zündeten Bomben an Checkpoints. Ein Selbstmordkommando fuhr in der nordöstlichen Provinz Marib in ein Huthi-Krankenhaus - 40 Menschen starben.

Bei der UN-Vollversammlung schloss Außenminister Al-Sallal, der Jemen brauche nun eine "solide Haltung" seitens des Sicherheitsrates gegen all jene, "die versuchen, unseren politischen Übergangsprozess zu untergraben". Es ist ein bescheidener Hilferuf für ein Land, das auf dem Weg zum gescheiterten Staat ist.