Vier Jahre nach der verheerenden Tsunami-Tragödie in Südostasien mit mehr 230 000 Opfern ist Jörn Lauterjung sicher: "So viele Tote wird es bei einer vergleichbaren Katastrophe nicht wieder geben." Der Physiker arbeitet am renommierten Potsdamer GeoForschungsZentrum (GFZ) und ist einer der Väter des Tsunami-Frühwarnsystems, das unlängst in Indonesien in Betrieb ging. "Als wir damals die Bilder sahen, haben wir uns gesagt, wir müssen etwas tun. Schließlich hatten wir uns seit Jahren mit Katastrophen-Frühwarnsystemen theoretisch befasst", erzählt der 54-Jährige. Schon am 2. Januar 2005 - rund eine Woche nach dem Drama - war das Konzept fertig. Wenig später präsentierte die Bundesregierung das Vorhaben bei einer Konferenz in Japan. "Auch andere Ländern wollten ein solches System aufbauen, wir hatten aber als einzige den ganzheitlichen Ansatz", berichtet Projektleiter Lauterjung. Quasi alles aus einer Hand, auch dank vieler Partner, die das GFZ mit ins Boot holen konnte. Und Lauterjungs Job dabei? "Als Projektleiter bin ich für die Koordinierung des Ganzen zuständig." Warnung nach fünf MinutenSchon immer habe er sich eher als "Macher" verstanden. "Ich bin nicht der klassische Wissenschaftler, der in seinem Stübchen sitzt", sagt der gebürtige Bonner. Sein "Stübchen" in Potsdam ist tatsächlich nicht besonders anheimelnd. Auf dem Bildschirm des Computers in dem kleinen Raum unterm Dach flimmert zumeist die aktuelle Erdbebenkarte der Welt. "Ich kann genau sehen, wo gerade ein Beben in welcher Stärke ist." Aber auch in der Freizeit hat Lauterjung immer den Puls am Erdbeben. "Bei jedem bekomme ich eine SMS auf mein Handy." Auf das Frühwarnsystem in Indonesien - mittels Seismometern, GPS-Stationen, Wasserpegelmeldern, Meeresbodensensoren und Messbojen auf dem Meer werden Seebeben und dadurch ausgelöste Tsunamis gemeldet - ist der Familienvater schon etwas stolz: "Es ist toll, wenn etwas, das wir in der Theorie entwickelt haben, nun praktisch genutzt wird." Es sei aber auch durchaus eine Belastung, schließlich habe er eine Mitverantwortung dafür, dass es im Ernstfall wirklich klappt. Mit dem System, das im vergangenen November offiziell in Betrieb genommen wurde, soll binnen fünf Minuten nach einem Seebeben die erste Warnmeldung in der Leitzentrale in Jakarta vorliegen. "Da sich in Indonesien die Erdbeben gefährdete Zone in 200 bis 250 Kilometern Entfernung parallel zur Küste entlang zieht, trifft ein Tsunami dort 20 bis 40 Minuten nach einem Beben auf Land", erläutert der Experte. Deshalb hatten die Menschen im Jahr 2004 dort keine Chance, weil die erste konkrete Warnung erst nach 20 Minuten einging. "Zudem konnte kaum einer etwas mit dem Begriff Tsunami anfangen." Zur heutigen Lage sagt Lauterjung: "Wir können auch mit dem Frühwarnsystem Tote nicht verhindern, wir können die Folgen der Katastrophe aber deutlich minimieren." Traumtour durch die AntarktisLauterjung ist von Hause aus keineswegs Tsunami-Experte, aber im weitesten Sinne hat er sich mit Erdbeben bereits bei seiner Doktorarbeit befasst. Darin ging es um die Fortbewegung seismischer Wellen im Erdinnern. "Meine Triebfeder für die Arbeit ist das Unbekannte - wie funktioniert die Maschine Erde", erzählt Lauterjung, der eigentlich einmal Förster werden wollte. "Ich komme aus einem Kaff mit elf Einwohnern mitten im Wald, da liegt das nahe." Bis zum Abitur sei er sich nicht sicher gewesen, habe sich dann aber doch für die Physik entschieden. Was er für Träume hat? "Eine Tour durch die Antarktis." Und ins All, da wolle er auch gerne einmal hin. "Um einfach mal zu gucken, wie die Erde von dort aussieht."