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Jedes 20. Kind in Deutschland leidet an materieller Not

Kinder brauchen Halt – egal ob sie aus einer armen oder reichen Familie stammen.
Kinder brauchen Halt – egal ob sie aus einer armen oder reichen Familie stammen. FOTO: dpa
Berlin. Jedes 20. Kind in Deutschland ist mit materieller Not konfrontiert. Seit dem Anstieg bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts hat sich die Armutsrisikoquote von Kindern aber nicht weiter erhöht. Das geht aus dem Entwurf des neuen Armuts- und Reichtumsberichts hervor, der der RUNDSCHAU vorliegt. Stefan Vetter

Die Kinderarmut in Deutschland bleibt ein heißes Thema. Erst vor ein paar Tagen hatten 40 Familien- und Sozialverbände die Bundesregierung zu einem stärkeren Engagement gegen den Missstand aufgefordert.

Der Berichtsentwurf, der gegenwärtig in der Bundesregierung abgestimmt wird, zeichnet dazu nun ein differenziertes Bild: "Nur wenige Kinder in Deutschland leiden unter materieller Not", heißt es darin. Betrachte man den Anteil der Haushalte "mit einem beschränkten Zugang zu einem gewissen Lebensstandard und den damit verbundenen Gütern", dann seien fünf Prozent der Kinder betroffen. Das ist deutlich weniger als im dem EU-weiten Schnitt (neun Prozent).

Von den insgesamt 12,9 Millionen Kindern in Deutschland hätten allerdings bis zu 2,4 Millionen - also mehr als ein Fünftel - ein Armutsrisiko, weil die Haushalte, in denen sie lebten, über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens verfügten.

Die Autoren des Berichtsentwurfs stellen jedoch auch klar, dass die Nettoeinkommen von Haushalten mit Kindern und Jugendlichen "in fast der Hälfte der Fälle" durch Sozialtransfers und Familienleistungen über die statistische Armutsrisikogrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens gehoben würden. Ohne diese Hilfen wäre immerhin knapp jedes dritte Kind unter 18 Jahren von Armut bedroht.

Am höchsten ist das Armutsrisiko von Kindern naturgemäß, wenn beide Elternteile ohne Job sind. Es beträgt dann etwa 60 Prozent. Betroffen davon sind rund eine Million Kinder. Ist jedoch ein Elternteil in Vollzeit erwerbstätig, fällt das Armutsrisiko für Kinder laut dem Berichtsentwurf "schon deutlich auf etwa 15 Prozent". Bei einer Vollerwerbstätigkeit beider Eltern sind es nur noch drei Prozent. Diese Konstellation komme in Deutschland allerdings nur bei knapp jeder siebten Paarfamilie vor.

Besonders schlechte Karten haben indes Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten. Schon für Einzelkinder liegt das Armutsrisiko hier mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Kinder. "Bei zwei oder mehr Kindern steigt das Armutsrisiko weiter stark an", wird im Textentwurf vermerkt. Davon seien auch Paarfamilien mit drei und mehr Kindern deutlich überdurchschnittlich betroffen. Knapp ein Viertel der Kinder und Erwachsenen in solchen Familien lebt unter der Armutsschwelle.

Ein Lichtblick: Offenbar durch die gute Lage am Arbeitsmarkt ist den Regierungsangaben zufolge die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Bedarfsgemeinschaften mit Hartz IV leben, zwischen 2010 und 2015 um fünf Prozent gesunken.

Erstmals hatte eine Bundesregierung den Armuts- und Reichtumsbericht im Jahr 2001 vorgelegt. Damals von Rot-Grün. Der aktuelle Entwurf des mittlerweile fünften Berichts befindet sich gegenwärtig in der Ressortabstimmung. Die Endfassung soll nach ausführlicher Debatte mit den Sozialverbänden im Frühjahr 2017 vom Bundeskabinett beschlossen werden.

Zum Thema:
2015 wuchsen nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung vom September dieses Jahres insgesamt 1 931 474 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Hartz-IV-Haushalten auf. Nimmt man Jungen und Mädchen hinzu, deren Eltern weniger als als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben, gelten nach Angaben der Wohlfahrtsverbände sogar drei Millionen Kinder als arm.