Es sind erschreckende Zahlen, die Bernd Ludwig vom Naturschutzbund Brandenburg nennt. "Wir gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Jungtiere verendet ist", sagt er. Ludwig wohnt in Rangsdorf (Landkreis Teltow-Fläming), ist 73 Jahre und seit 1964 ehrenamtlicher Leiter der Arbeitsgruppe Weißstörche Brandenburg. "So etwas wie in diesem Jahr habe ich lange nicht erlebt", sagt er.

Zwar laufen die Zählungen zur aktuellen Storch-Population noch, doch reißen seit Wochen die Horror-Meldungen von Vogelbeobachtern nicht ab. "Besonders viele tote Jungtiere holen wir aus Nestern in Südbrandenburg", sagt Ludwig. Nördlich von Berlin sei die Lage nicht ganz so dramatisch. Im Süden der Mark hat es in den vergangenen Wochen hingegen besonders viel geregnet. Die jungen Störche sind in den gut abgedichteten Nestern häufig ertrunken. "Wir finden darin immer wieder auch Plastik", erläutert Ludwig. So gebaute Nester könnten nicht trocknen.

Neben den starken Niederschlägen in den zurückliegenden Wochen waren auch die eisigen Temperaturen schuld an der hohen Sterberate. Die Tiere sind mit ihrem nassen Gefieder erfroren. Besonders schlimm war es Anfang der vergangenen Woche. Mehrere Tage Dauerregen und in der Nacht Temperaturen von nur zehn bis acht Grad. "Das ist eine Katastrophe", sagt Ludwig. Normalerweise würden die Elterntiere sich schützend über die Küken beugen. Da der Nachwuchs aber schon so groß ist, ist das nicht mehr möglich. Vergangenes Jahr gab es in Brandenburg 1371 Brutpaare. "Dieses Jahr sind es ähnlich viele", schätzt Ludwig.

Der Storchenbeauftragte aus Rangsdorf arbeitet mit vielen ehrenamtlichen Experten aus den anderen Landkreisen zusammen. Für Cottbus und Umgebung ist Wolfgang Köhler zuständig. Er reist von Nest zu Nest, schaut, wie es den Jungtieren geht. "Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen. Aber wir wissen schon, dass das ein schlimmes Jahr wird", sagt er. In seinem Bereich hat er 36 Brutpaare gezählt. "Ich rechne damit, dass die Storch-Sterberate in Cottbus und Umgebung noch deutlich über der 50-Prozent-Marke liegen wird", sagt er.

Der Naturschutzbund Brandenburg geht in seiner Einschätzung noch ein Stück weiter. "Auch die Jungvögel der ersten Brut von Amsel, Meise und weiteren Arten sind teilweise bereits verhungert und verklammt", sagt Nabu-Sprecherin Heidrun Schöning. Verklammung bedeutet, dass die Jungvögel ständig nass sind und völlig auskühlen.

Das Fehlen von Nahrung führt Storchen-Experte und Nabu-Ornithologe Ludwig auch auf das gehäufte Anwenden von Mitteln zur Schädlingsbekämpfung in den Monokulturen der Landwirtschaft zurück. "Das führt dazu, dass kaum Insekten fliegen. Die Nahrungsgrundlage für unsere Brutvögel fehlt somit", sagt er.

Ludwig beobachtet derzeit auch, dass es in diesem Jahr wieder etwas weniger Langstreckenzieher gibt. "Insektenfresser wie Feldlerche, Baumpieper, Rohrsänger oder Grasmücken, die eigentlich in unserer Region brüten, haben offenbar weiter südlich ihr Brutgeschäft begonnen", sagt er. 2013 werde kein gutes Vogel-Jahr für Brandenburg, so Ludwig weiter.

Eine These, die auch Katharina Illig bestätigen kann. Sie beringt Störche im Gebiet Calau-Luckau. "So etwas habe ich in den mehr als 40 Jahren meiner Tätigkeit noch nicht erlebt. Meine Touren ähneln eher einer Beerdigungs- als einer Beringungsrunde", sagt sie. Bei einer Tour Anfang dieser Woche habe sie aus 14 Horsten 19 tote Küken geborgen. In einer ersten Prognose geht sie davon aus, dass in ihrem Gebiet nur jedes vierte Jungtier überlebt hat. Bei einzelnen Storch-Paaren aus dem Gebiet Calau-Luckau, die einen Totalverlust bei ihrem Nachwuchs hatten, sollen nun Tests im Labor Aufklärung geben. Neben dem schlechten Wetter kann auch eine Pilzinfektion die Nachkommen dahingerafft haben, vermutet Illig.

Auch Sachsen meldet Dramatisches vom Storchnachwuchs. Laut Naturschutzinstitut Dresden (NSI) haben 50 Prozent der Brutpaare im Freistaat ihren Nachwuchs verloren. Laut NSI sei die Lage "sehr dramatisch". Hinzu kommt, dass es im Freistaat in diesem Jahr kaum Nester mit zwei Jungtieren gegeben hat. Laut Schätzungen des Institutes nisten dieses Jahr etwas mehr als 300 Storchenpaare im Freistaat - in etwa genauso viele wie im vergangenen Jahr.

In Sachsen starben mehrere Jungtiere auch, weil die Nester bei starkem Wind abstürzten. So geschehen in Otterwisch bei Grimma. Dort riss eine Windböe das Nest aus der Halterung - vier Jungtiere verendeten.