Dem Straßenverkehr droht täglich der Kollaps. Blech an Blech schiebt sich die Lawine voran. Polizisten sehen dem Chaos hilflos zu.

Staub, Dreck, Lärm und dichtes Gedränge bestimmen den Rhythmus von Afghanistans Hauptstadt. Zudem ist Kabul hoffnungslos übervölkert. Täglich zieht es mehr Menschen aus dem Umland in die Metropole. Doch bei 60 Prozent Arbeitslosigkeit vergrößern diese nur die Slums, deren Anblick ebenso zum Alltagsbild gehören wie die Prunkbauten jener, denen Regierung und System Wohlstand garantieren. Jeder, der hier lebt oder strandet, ist auf der Suche nach dem kleinen Glück.

Männer und Kinder agieren als Händler, bieten alles feil, was sich denken lässt. In der Chicken Street gibt es Blumen aus Pakistan, drei Ecken weiter werden indische Musikvideos und amerikanische Actionfilme zum Kauf angeboten. Fladenbrothändler stehen neben denen mit frischen Orangen, Metzger verkaufen alles, was das geschlachtete Tier hergab. Der Anblick ist nicht immer appetitlich.

Ich ziehe mit Mustafa durch Kabul. Mustafa sagt, er sei ein gläubiger Moslem. Doch auch ein modern denkender Afghane. Zu gern würde er wie die Europäer seines Alters das Leben genießen. Doch Luxus hat seinen Preis, und der ist für ihn unbezahlbar. Auch in puncto Liebe müssen junge Afghanen viel riskieren. Auf einer Anhöhe zeigt mir Mustafa vier Jugendliche, die sich heimlich treffen müssen. "Wenn ihre Eltern wüssten, dass sie einen Freund hat, wäre das ihr Todesurteil", sagt er. Kein Einzelfall, sondern hundertfache Wahrheit, fügt er an. Er weiß, wovon er spricht. Auch er ist jung und frisch verliebt. Zu gern würde der 23-Jährige sein Land einmal verlassen - einzig, um die Welt kennenzulernen. So aber hat er sein ganzes Leben lang Kabul noch nicht einmal den Rücken gekehrt. Dazu kommt die Angst vor der Zeit, wenn die Isaf ihre Truppen reduziert. Sind die Taliban wirklich so schwach oder warten sie nur auf die Gunst der Stunde, fragt er mich beim gemeinsamen Mittagessen. "Unser Land hat eine Chance verdient”, sagt Mustafa überzeugt. Zu gern würde auch er seinen Teil dazu beitragen.