Bisher sind 800 Deutsche als Unterstützer oder Kämpfer zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gegangen, 260 davon sind inzwischen wieder zurück. Sie sind potenzielle Gefährder. Der Londoner Sicherheitsforscher Peter Neumann rechnet demnächst mit einer weiteren Ausreisewelle in Richtung Kampfgebiete, es wäre die dritte.

Die erste, im Herbst 2013, entstand, als Syriens Diktator Assad zusammen mit der Hisbollah die Sunniten in die Ecke trieb. Die zweite kam im Sommer 2014, als der IS weite Gebiete im Irak und Syrien erobert hatte und der Traum eines "Kalifats" erreichbar schien. Damals stießen aus dem Ausland nicht mehr nur junge, kampfbereite Männer zum IS, sondern zu 40 Prozent auch Frauen.

Jetzt, da die Fundamentalisten schon seit fünf Monaten keine Schlacht mehr gewonnen und stattdessen 40 Prozent ihres Gebiets im Irak und 14 Prozent in Syrien verloren haben, könnte wieder eine Solidaritätswelle folgen, sagte Neumann am Mittwoch beim Europäischen Polizeikongress in Berlin. Und falls der IS noch weiter in die Defensive gerate, werde es auch vermehrt Terror in Europa geben. Schon jetzt zeige die europaweite Statistik für das vergangene Jahr eine starke Zunahme ernsthafter Anschläge oder Anschlagsversuche.

Diese Entwicklung ist im Alltag der deutschen Sicherheitsbehörden bereits angekommen. Zwei bis vier Terroralarme gebe es derzeit pro Tag, berichtete Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen bei derselben Veranstaltung. Es waren fast alles Fehlalarme, aber allen musste nachgegangen werden.

Viel Arbeit machen auch die zahlreichen Hinweise auf mögliche Terroristen in den Flüchtlingslagern. 300 gab es bisher, die meisten seien "wenig belastbar" gewesen. Oft wolle sich jemand wichtigmachen oder jemand anderen diskreditieren. Maaßen räumte aber ein, dass man nur ein Fünftel der angezeigten Personen korrekt habe kontrollieren können. 70 Prozent der Überprüften hätten keinen Pass gehabt, andere seien gar nicht auffindbar gewesen.

"Wir können von der Forderung nach einer vollständigen Registrierung der Flüchtlinge nicht abrücken", sagte hierzu der Vizepräsident des Bundeskriminalamtes, Michael Kretschmer. Noch im vergangenen Jahr waren die Sicherheitsbehörden davon ausgegangen, dass der IS es nicht nötig habe, Attentäter über die beschwerlichen Flüchtlingsrouten einzuschleusen. Diese Einschätzung hat sich fundamental geändert, seit klar wurde, dass zwei der Paris-Attentäter und zwei weitere Helfer im Strom der Migranten nach Europa gekommen waren.

Der IS wolle ganz offensichtlich Verunsicherung schüren nach dem Motto "Ihr könnt nicht sicher sein, ob noch weitere Attentäter unter den Flüchtlingen sind", sagte Maaßen. Sorge machen dem Verfassungsschutz auch die verstärkten Aktivitäten deutscher Salafisten in den Flüchtlingslagern und in ihrem Umfeld sowie die Gefahr einer Selbstradikalisierung von Asylbewerbern, die von ihrem Traumland Deutschland aus unterschiedlichen Gründen desillusioniert sind. "Auch rechtsextremistische Angriffe können das zur Folge haben", warnte der Verfassungsschutzchef.