April wurden die ersten Spekulationen laut, dass sich sein Bruder nun um das Präsidentenamt bewerben könnte. Doch der 60-Jährige wartete mit der Ankündigung fast bis zur letzten Minute. Erst am Montag kurz vor Ablauf der Frist gab er seine Kandidatur für die Wahl am 20. Juni bekannt.

,,Polen ist unsere gemeinsame große Verantwortung. Es fordert, dass wir unser persönliches Leid überwinden und trotz einer persönlichen Tragödie handeln", teilte Kaczynski auf der Website seiner nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) mit.

Der Parteichef hatte die Trauerfeierlichkeiten mit eiserner Miene absolviert, ohne in der Öffentlichkeit eine einzige Träne zu vergießen. Sogar nachdem er die Leiche seines Bruders identifiziert hatte, zeigte er keine Regung. Doch nun dürfte Kaczynski versuchen, seine Trauer im Wahlkampf einzusetzen. Kaczynski werde seinen Wahlkampf auf dem Trauma aufbauen, das er nach dem Ereignis erlitten habe, auf der Idee der Erfüllung des Wunsches seines Bruders, auf seinem politischen Testament, sagt der Politologe Stanislaw Mocek.

Kaum ein anderer Politiker im heutigen Polen weckt so heftige Emotionen bei Anhängern und Gegnern wie der Oppositionschef. Sein eigenes Lager bewundert seinen scharfen Verstand und seine unnachgiebige Haltung, seine Gegner aus dem liberalen und sozialdemokratischen Lager verabscheuen den kleinen Mann mit dem runden Gesicht so sehr, dass sie ihn früher sogar mit Stalin verglichen. Von jeher gab der 45 Minuten ältere Jaroslaw den Ton an. Schon seine Mutter Jadwiga Kaczynska sagte einmal, ,,Jaroslaw wird immer derjenige sein, der die besseren Strategien wählt". Auch als Jaroslaw Kaczynski im Oktober 2007 sein Ministerpräsidentenamt an den Liberalen Donald Tusk verloren hatte, holte sich sein Bruder im Präsidentenpalast täglich telefonisch Rat bei ihm ein.

Der renommierte Wahlforscher Eryk Mistewicz bescheinigte dem Gründer der PiS das Geschick eines ,,Schachspielers, der mehrere Partien gleichzeitig spielen kann". Der Politologe Mikolaj Czesnik sagte einmal, Jaroslaw Kaczynski habe einen ausgeprägten Sinn für Massenpsychologie: ,,Er hat gelernt, mit den Gefühlen der Menschen zu spielen, manchmal mit den niedrigsten." Kaczynski könne latente Ängste wecken, anti-europäische Gefühle und Sozialneid.