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Japaner auf dem Weg zum Fleischergesellen

Drei, die sich gut verstehen: Hiroshi Tani, Ivonne Arnold und Matthias Arnold bei der Unterzeichnung des Lehrvertrages im Haus des Handwerks in Cottbus.
Drei, die sich gut verstehen: Hiroshi Tani, Ivonne Arnold und Matthias Arnold bei der Unterzeichnung des Lehrvertrages im Haus des Handwerks in Cottbus. FOTO: Handwerkskammer
Cottbus. Auf Austauschjahr folgt Lehrvertrag: Hiroshi Tani (26) beginnt Ausbildung zum Fleischergesellen in der Fleischerei Arnold in Kraupa (Elbe-Elster). Beate Möschl / moe

Großer Bahnhof gestern in Cottbus. In der Handwerkskammer sind Unternehmensvertreter aus Japan zu Gast. Sie kommen vom Fleischverarbeitungskonzern Prima Ham KK in Tokio und wollen sich genau anschauen, wo und wie einer ihrer Mitarbeiter in den kommenden drei Jahren in Cottbus und in Kraupa (Elbe-Elster) bei der Privatfleischerei Arnold seine Ausbildung zum Fleischer absolvieren wird. Auftakt ist die Unterzeichnung des Lehrvertrages im Haus des Handwerks in Cottbus, zu der Christhoph Schäfer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, die Gäste herzlich begrüßt.

Die Unterzeichnung eines Lehrvertrages sei an sich nichts Ungewöhnliches. "Das machen wir im Handwerk alljährlich hundertfach, aber ein Azubi aus Japan, das ist etwas ganz Besonderes, das freut uns", sagt Schäfer und gratuliert dem künftigen Azubi Hiroshi Tani (26). Er habe mit der Privatfleischerei Gebrüder Arnold "einen unglaublich guten, qualitativ hohen Ausbildungsbetrieb gefunden, der 2015 und 2002 mit dem Ausbildungspreis der Handwerkskammer Cottbus ausgezeichnet worden ist und 2005 mit dem Ausbildungspreis des Landes Brandenburg", lobt Schäfer. "Arnolds sind bekannt für ihre erstklassige, mehrfach preisgekrönte Produktpalette", sagt er und scherzt: "Wenn man in ihr Büro kommt, kann man Herrn und Frau Arnold gar nicht sehen, so viel Preise und Pokale stehen da."

Die Beteiligung der Arnolds an nationalen und internationalen Wettbewerben und der Einsatz als Produkttester für das Testzentrum Lebensmittel der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) waren es auch, die die Fleischermeister aus Südbrandenburg mit Japans drittgrößtem Fleischverarbeitungskonzern Prima Ham KK und dessen Mitarbeiter Hiroshi Tani zusammengebracht haben.

"Wir haben uns durch die DLG kennengelernt, als wir 2012 mit einem 25-köpfigen Fleischer-Team aus ganz Deutschland Japan bereist haben, um japanische Produkte nach deutschem Standard zu bewerten", erzählt Matthias Arnold. Der 38-Jährige führt gemeinsam mit Vater Helmut (64) und seiner Schwester Ivonne (41) den Familienbetrieb mit 160 Mitarbeitern und Fachgeschäften in Sachsen und Brandenburg. Vater Helmut habe damals beim Produkttest signalisiert, wo sich Verbesserungen lohnen würden und habe offene Ohren gefunden, bei Hiroshi Tani. Tani hatte Fleischtechnologie studiert und war bei Prima Ham im Bereich Produktentwicklung verantwortlich für die Rohschinken-Produktion.

Der Münchener Jürgen Schmidt brachte den Industriekonzern und die Fleischerei aus dem Elbe-Elster-Land zusammen und begleitet sie auch im aktuellen Ausbildungsprojekt. Schmidt ist Direktor der SKW East Asia Limited, einem unabhängigen Handelsunternehmen in Japan, das auch Kooperationspartner der DLG bei der Organisation des Produkttestes für Fleischerzeugnisse und Convenience-Produkte in Tokio im November 2012 war. Im Dezember 2013 kam Hiroshi Tani nach Kraupa für ein Austauschjahr und Praktikum in der Privatfleischerei Arnold. "Er ist sehr gut angekommen in unserem Unternehmen. Er hat sich perfekt eingearbeitet und einen hohen Stellenwert bei den Kollegen. Sie haben ihn zum Schlachtefest mitgenommen und zum Fasching", erzählt Matthias Arnold.

Ivonne Arnold schwärmt von seinen höflichen Umgangsformen und seinem Fleiß. "Da gibt es kein Nein." Sieben junge Leute haben so wie Hiroshi Tani für das neue Lehrjahr einen Ausbildungsvertrag bei den Arnolds unterschrieben. Das sind mehr als sonst. "Wir haben fleißig geworben, direkt in den Schulen und auf Ausbildungsmessen, das bringt was", freut sich Ivonne Arnold.

Verblüffendes Detail am Rande: Für den Weg zur Berufsschule soll Hiroshi Tani nun doch ein Auto zur Verfügung gestellt werden, sagt Schmid und betont: Das ist ein Ergebnis des Besuchs der Vorgesetzten von Hiroshi Tani in der Lausitz. "In Japan ist es absolut unüblich, Mitarbeiter ins Ausland zu entsenden für eine langjährige Ausbildung. Sie wollen sichergehen, deshalb schauen sie sich persönlich vor Ort um. Das ist die japanische Art", erklärt er und erzählt, dass es Sicherheitsanweisungen zum Verhalten im Ausland gibt und ihnen zum Beispiel Autofahren außer in den USA im Ausland verboten ist. Für Tani soll das nicht gelten. "Bei so einem langen Aufenthalt und den Entfernungen im ländlichen Raum. Kraupa und Cottbus sind nicht Tokio oder Osaka", sagt Schmid.

Dabei wird schnell klar, dass die Ausbildung nicht nur Chance und Wertschätzung fürs Handwerk ist, sondern sich auch hohe Erwartungen damit verbinden. "Wir hoffen auf sehr viel Input über die Zeit seiner Ausbildung, dass die Marke und Technologie um ein Vielfaches verbessert und die Firma Prima Ham eine Zukunft haben wird", bekräftigt Dr. Hiroyuki Tanji, Abteilungsleiter Produktentwicklung bei Prima Ham, anlässlich der Vertragsunterzeichnung in Cottbus.

Genau das reizt den Ingenieur Hiroshi Tani, der als leitender Angestellter und aufgrund der Automatisierung keine handwerkliche Arbeit mehr leisten muss und kann. Deshalb hat er sich um die Ausbildung beworben. Dafür nimmt er viel in Kauf. Er ist vor acht Monaten Vater geworden und wird das Aufwachsen seines Sohnes nun aus der Ferne verfolgen. "Ich werde wohl jeden Tag telefonieren", sagt er und hält an seinem Ziel fest. "Ich habe 2013 die Gelegenheit bekommen, bei der Firma Arnold ein Jahr ein Praktikum zu machen. Da dachte ich, vielleicht kann ich noch mehr lernen, Fleischergeselle werden oder gar Meister", sagt Hiroshi Tani und fügt an: "Ein Teil davon ist wahr geworden."

Zum Thema:
Der Fleischtechnologe Hiroshi Tani aus Osaka ist der erste von vier Mitarbeitern des japanischen Fleischverarbeitungskonzerns Prima Ham KK, die an einem neuen konzerninternen Ausbildungsprogramm teilnehmen. Prima Ham verspricht sich von der besonderen Qualifizierung seiner Mitarbeiter den Ausbau der eigenen Produktpalette und der Marktführerschaft. Derzeit gilt der Konzern als drittgrößter der Branche in Japan. Im Handwerkskammerbezirk Cottbus sind noch 450 Lehrstellen in 56 Berufen frei. Einen Ausbildungsvertrag für das neue Lehrjahr haben bereits 424 Jugendliche abgeschlossen. Im Fleischerhandwerk sind noch 13 Plätze frei. (moe)hwk-cottbus.de/lehrstellen