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| 01:08 Uhr

Jamlitz erinnert an KZ und russisches Lager

In Jamlitz bei Lieberose wurde gestern ein Freiluft-Dokumentationszentrum eingerichtet, das sich einer schwierigen Historie stellt. Es zeigt in zwei räumlich getrennten Bereichen die Geschichte des KZ-Außenlagers, in dem überwiegend Juden litten und starben, sowie die spätere Nutzung des Geländes als russisches „Speziallager“ . Die örtliche Kirchengemeinde ist Träger der Erinnerungsstätte. Von Simone Wendler

Eine eiskalte Winternacht kurz vor Kriegsende im KZ-Außenlager Jamlitz bei Lieberose. Rudy Herz, ein junger Jude, soll in der Kälte einen Holzstapel bewachen. Über die Lagerlautsprecher ist plötzlich, vermutlich durch ein Versehen, ein Rundfunkprogramm zu hören. Ein Flötenkonzert erklingt, dem Rudy Herz ergriffen lauscht. An der selben Stelle stirbt kurz nach Kriegsende der Rundfunksprecher, der das Konzert angesagt hatte, als Insasse des inzwischen eingerichteten russischen „Speziallagers Nummer sechs“ . Gestern wurden in Jamlitz zwei Dokumentationszentren unter freiem Himmel eingeweiht, die dieser wechselvollen Geschichte des Lagers gerecht werden sollen.
Mit dem Flötenkonzert, das Rudy Herz in jener Winternacht über die Lagerlautsprecher hörte, begann die Einweihung des neuen Erinnerungsortes. Zu beiden Seiten der einstigen Lagerstraße sind schmale Platten errichtet, auf denen Einzelschicksale und historische Hintergründe dargestellt sind. Auf einer Seite die Zeit des KZ-Außenlagers von 1943 bis 1945, auf der anderen das russische Internierungslager von 1945 bis 1947. Das Verhältnis der einstigen Insassen beider Lager ist verständlicherweise bis heute problematisch.
„Es ist eine Gratwanderung“ , sagt auch Tilman Kuhn, Pfarrer in Lieberose. Seine Kirchengemeinde ist Träger der neuen Dokumentation am historischen Ort. Die Kirchengemeinde hat zwischen Opfern beider Lager moderiert. „Dokumentation und Gedenken sind getrennt“ , sagt Pfarrer Kuhn, „hier soll nur objektiv gezeigt werden, was sich ereignet hat.“ Gedenken, das viel mit Emotionen zu tun hat, sollte getrennt an anderen Orten geschehen.
Die Außenstelle des KZ Sachsenhausen in Jamlitz war ein Ort, an dem überwiegend osteuropäische Juden litten und starben. Sie mussten den SS-Truppenübungsplatz bei Lieberose bauen. Viele von ihnen kamen direkt von der Selektionsrampe in Auschwitz nach Jamlitz. Wer nicht mehr arbeitsfähig war, wurde dorthin zurückgebracht zur Vergasung. Isaak Tosk und Chaim Piotrkowski kamen als Jugendliche nach Jamlitz. Beide stammten aus Lodz in Polen, durchlitten gemeinsam die Lagerzeit. Gestern sahen sie sich in Jamlitz wieder.
„Wir haben kaum noch geglaubt, dass wir das hier überleben“ , sagt Chaim Piotrkowski, der heute in Israel lebt, „Lieberose war unsere letzte Etappe.“ Als er aus dem KZ Sachsenhausen im Frühjahr 1945 befreit wird, ist er siebzehn Jahre alt und „mehr tot als lebendig“ . Isaak Tosk ist gestern nach Jamlitz zurückgekehrt, auch um Chaim wiederzusehen. Mit der Dokumentation auf der anderen Seite der ehemaligen Lagerstraße hat Tosk kein Problem: „Hier ruhen Tote, da ruhen Tote.“
Günther Kossatz aus Lieberose war 13 Jahre alt, als er verhaftet und ins russische Speziallager Ketschendorf, dann nach Jamlitz gebracht wurde, dorthin, wo vorher Isaak Tosk und Chaim Piotrkowski gelitten hatten.
Kossatz, dessen Vater Ortsgruppenleiter der NSDAP war, wurde Mitgliedschaft im „Werwolf“ vorgeworfen. 1948 erst kam er aus Buchenwald frei. Bis 1990 hat er nicht einmal mit seiner Familie über die Lagerzeit gesprochen. Jetzt nimmt er an Gedenkveranstaltungen teil, hat sich an der würdigen Herrichtung eines Massengrabes beteiligt.
„Für mich ist das eigentlich jetzt erledigt“ , sagt der 72-Jährige. Doch beim Gedanken an seine Enkelkinder findet er es dann doch gut, dass die Dokumentation am historischen Lagerort eingerichtet wurde. Seine Enkel, so Kossatz, würden in der Schule kaum etwas über die Geschichte der russischen Speziallager erfahren.