Gestern zog die Affäre weitere Kreise: Nach Informationen des australischen Radiosenders ABC wurden auch die beiden ehemaligen UN-Chefwaffeninspekteure für Irak, Richard Butler und Hans Blix, abgehört, und zwar von den USA, Großbritannien, Frankreich und Russland. Butler gab zu Protokoll, er sei sich ganz sicher, da ihm selbst die Abhörprotokolle von Gesprächen anderer Mitarbeiter gezeigt worden seien. Wollte er sich unbehelligt unterhalten, musste er mit seinen Gesprächspartnern im Park spazieren gehen oder in der UN-Cafeteria sitzen. Blix wurde laut ABC bei jeder Reise in den Irak am Telefon belauscht.
Auch Annans Vorgänger Butros Butros-Ghali meldete sich zu Wort: Ihm sei bereits am Tag seines Amtsantritts gesagt worden, dass sein Büro und seine Wohnung abgehört würden, berichtete der ehemalige UN-Generalsekretär in einem BBC-Interview. Daher hätten ihn die Enthüllungen Shorts nicht überrascht. Abgehört worden sei er seines Wissens von den Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrats und "anderen Ländern, die dazu in der Lage waren".
Berlin schloss solcherlei Geheimdienstaktivitäten gestern kategorisch aus. Es sei "politisch völlig ausgeschlossen, dass so etwas irgendeinem, der in Deutschland zuständig ist für Abhörmaßnahmen, einfallen würde", sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Angesichts der Person von UN-Generalsekretär Kofi Annan verbiete sich jegliche Spekulation, dass er in "irgendsoetwas" hineingezogen würde.
Der britische Premier Tony Blair, dem die Enthüllungen Shorts einen weiteren schwarzen Tag in seiner Amtszeit bescherten, reagierte zwar scharf, aber nicht in Form eines Dementis: Die Äußerungen Shorts seien "absolut unverantwortlich" empörte sich Blair und betonte, britische Geheimdienste bewegten sich "im legalen Rahmen".
Die Opposition hakte gestern aber nach. "Worum es hier geht, ist die Frage, ob unser Land in irgendeiner Weise mitmischt beim Abhören des Generalsekretärs der Vereinten Nationen", sagte der Parteiführer der Liberal Democrats, Charles Kennedy. Darauf habe das Land eine klare Antwort verdient. Für die Zeitung "The Independent" war die Sache bereits klar: Sie titelte gestern "Britain's spying shame" (Großbritanniens Spitzel-Schande) in Anlehnung an den Hollywood-Streifen "The Spy Game" mit Robert Redford aus dem Jahr 2001.
Ob mit oder ohne britische Beteiligung - bald hält Hollywood tatsächlich Einzug im UN-Hauptquartier am Hudson River. Die heiligen Hallen sind Schauplatz des neuen Thrillers, in dem US-Filmstar Nicole Kidman eine UN-Dolmetscherin spielt, der Schurken nach dem Leben trachten. Wie ein Sprecher mitteilte, stellte Annan das Gebäude für Dreharbeiten zur Verfügung, um das schlechte Ansehen bei der US-Bevölkerung zu verbessern.