Bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit wurden nach Ansicht des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, Fehler gemacht. „Man darf die DDR nicht auf den Unrechtsstaat reduzieren – das stößt viele Ostdeutsche vor den Kopf und negiert ihre Erfahrungen im Alltag“, sagte der frühere Oppositionelle.

Begriffe wie Unrechtsstaat und Diktatur seien teilweise wie Kampfbegriffe in der öffentlichen Debatte verwendet worden. Die Aufarbeitung sei zu sehr auf die Stasi fixiert gewesen. „Davon müssen wir weg. Ich setze mich für ein Klima ein, in dem sich die Menschen einlassen auf die Vergangenheit“, betonte Jahn.

Fast 22 Jahre nach dem Mauerfall sei es an der Zeit, sich differenzierter mit der DDR auseinanderzusetzen und aufzuarbeiten, wie das System gerade im Alltag funktionierte, sagte Jahn. Dazu müssten die Erfahrungen und Erlebnisse der Ostdeutschen stärker einbezogen werden.

„Viele Menschen sind heute gefestigter und eher bereit, sich zur eigenen Biografie zu bekennen.“ Dies schließe auch Schmerzhaftes ein: Wenn man erkennt, dass man durch seine Anpassung die DDR stabilisiert hat. „Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, einer Diktatur gedient zu haben. Das ist ein langer, langer Prozess“, hob der frühere Oppositionelle hervor, der nach Stasi-Haft 1983 gegen seinen Willen aus der DDR abgeschoben wurde.

„Je besser wir Bescheid wissen über die SED-Diktatur, desto besser können wir Demokratie gestalten.“ Im „täglichen, kleinen Leben haben viele in der DDR versucht, so zu leben, dass sie in den Spiegel schauen konnten“, sagte Jahn. „Viele hatten nicht jeden Tag das Gefühl, genau das zu machen, was das SED-Politbüro befiehlt.“

Die Menschen hätten auch schöne Erlebnisse in ihren Familien oder mit Freunden gehabt. „Und wenn dann gesagt wird, es war alles nur schlimm in der DDR – da erreiche ich nur wenige“, sagte Jahn.

Zur differenzierten Aufarbeitung gehöre aber auch, die Empfindungen von Menschen ernst zu nehmen, die unter der Stasi gelitten haben. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die, die nicht mitgespielt haben, Konsequenzen tragen und auch ins Gefängnis mussten“, sagte der Bundesbeauftragte. Auch der Streit um den Umgang mit 45 früheren Stasi-Mitarbeitern, die noch in der Bundesbehörde beschäftigt sind, sei Teil der Aufarbeitung, so Jahn. Sie sollen nach der jetzt vom Bundestag beschlossenen Novelle des Stasi-Unterlagen-Gesetzes in andere Bundesbehörden versetzt werden.

Jahn hatte diese Beschäftigung als Schlag ins Gesicht der Opfer kritisiert und damit auch Kontroversen ausgelöst. „Ich strebe eine einvernehmliche Lösung an. Es geht nicht um Bestrafung von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern, sondern darum, den Opfern der Staatssicherheit zu helfen. Aufarbeitung heißt, beiden Seiten gerecht zu werden“, sagte Bundesbeauftragter Jahn. Kritik an seiner Person sehe er gelassen.