Ob Eisbär, Tiger oder Wal: Gerne präsentiert sich Kremlchef Wladimir Putin mit spektakulären Aktionen als Umweltschützer. Auf seiner offiziellen Internetseite wirbt der russische Präsident mit Nachdruck für die Rettung gefährdeter Tierarten. Nun betont Putin auch auf einer internationalen Arktis-Konferenz in Sibirien die Bedeutung einer gesunden Polregion für die ganze Welt. Doch Kritiker etwa von der Organisation Greenpeace werfen dem 60-Jährigen vor, alle hehren Worte außer Acht zu lassen, wenn es um die Ausbeutung immenser Bodenschätze und Rohstoffe in dem Gebiet geht.

Es sind vor allem russische Staatsunternehmen, die an die vermuteten gewaltigen Öl- und Gasvorkommen gelangen wollen. Unter dem Eismeer sollen rund 25 Prozent der weltweiten Vorräte lagern, dazu Diamanten und Kohle in großen Mengen. Zwar betont Putin auf dem Arktis-Forum in der Stadt Salechard, nur Unternehmen, die moderne Technik und ausreichende Finanzen mitbrächten, dürften die Schätze ausbeuten. Aber Umweltschützer fordern, die ökologisch sensible Region erst gar nicht mit aufwendigen Erkundungen zu gefährden.

Für Experten ist klar: In Sachen Umweltschutz liegt in Russland vieles im Argen. "Da geht es um eine Bewusstseinshaltung", sagte der deutsche Experte Peter Koltermann von der Moskauer Lomonossow-Universität. Keine Normen, keine Zuständigkeiten, keine Verbindlichkeiten.

Der aufsehenerregende Protest von Greenpeace gegen geplante Ölbohrungen im Nordpolarmeer und das massive Vorgehen der Behörden gegen die Aktivisten werfen nun auch ein Schlaglicht darauf, wie Russland mit Umweltschützern umgeht. Während die Justiz gegen die festgenommenen Greenpeace-Leute wegen bandenmäßiger Piraterie ermittelt und mit langen Haftstrafen (15 Jahre) droht, gibt Putin nach Ansicht von Kommentatoren den nachsichtigen Landesvater, der eine umweltfreundliche Ausbeutung der Rohstoffe in der Arktis fordet. "Es muss einen Mittelweg geben zwischen wirtschaftlicher Aktivität, der Gegenwart von Menschen und dem Schutz der Umwelt", sagte der Präsident jüngst auf der Arktis-Konferenz in Sibirien.

Zuvor hatten Grenzsoldaten Kletterer von Greenpeace an einer Ölplattform des russischen Staatskonzerns Gasprom mit Wasserkanonen beschossen, eine finnische Aktivistin landete in der eiskalten Petschorasee, Sicherheitskräfte rammten die Schlauchboote der Umweltschützer. Mit aller Macht verteidigt Russland seinen Anspruch auf die gewaltigen Öl- und Gasvorkommen, die unter dem ewigen Eis vermutet werden.

"Die Arktis ist die letzte ungenutzte Vorratskammer der Welt", sagt Sonderbotschafter Anton Wassiljew. "Und der Löwenanteil gehört Russland." Die anderen Arktis-Anrainer wie die USA, Kanada oder Norwegen glauben hingegen nicht, dass der Meeresboden eine Verlängerung des russischen Festlandes sei.

Zum Thema:
Die an Bodenschätzen reiche Arktis ist eine meist eisbedeckte Land- und Meeresfläche rund um den geografischen Nordpol. Sie umfasst etwa 26 bis 30 Millionen Quadratkilometer. In dem Gebiet werden 30 Prozent der unerschlossenen Gasvorkommen und ein Siebtel der unerschlossenen Ölvorkommen vermutet. Mit fortschreitendem Klimawandel könnte die Region innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte im Sommer eisfrei sein. Damit könnten große Vorkommen von Bodenschätzen erreichbar werden. Umweltschützer sehen den Lebensraum von Walen, Walrossen und Eisbären bedroht.