Die Schweizer sind an diesem Sonntag aufgerufen zu entscheiden, ob die Personenfreizügigkeit für bisher 25 EU-Staaten nun auch für Bürger aus Rumänien und Bulgarien gelten soll. Sagen sie Nein, dann kippen die meisten der bisher mit der EU abgeschlossenen Verträge. Die Schweiz wäre innerhalb Europas völlig isoliert. Der Ausgang der Abstimmung ist ungewiss, Umfragen zeigen nur ein wackliges Plus für die Zustimmung. Ein Fünftel Ausländer Von den rund 7,6 Millionen Personen, die in der Schweiz leben, sind mehr als ein Fünftel Ausländer. Von denen kommen wieder etwa zwei Drittel aus den EU-Staaten. Die 2002 in Kraft getretene und 2007 ausgeweitete Personenfreizügigkeit definiert die Freiheit, in einem anderen Land als dem Heimatland wohnen und arbeiten zu dürfen. Sie ist Teil eines ersten Vertragswerkes, das die Schweiz mit Brüssel abgeschlossen hat. Und darin gibt es eine "Guillotine-Klausel": Sollte einer der sieben Bereiche Landverkehr, Luftverkehr, Personenfreizügigkeit, Landwirtschaft, Technische Handelshemmnisse, Öffentliches Beschaffungswesen und Forschung eines Tages von der Schweiz gekündigt werden, wird das ganze Vertragswerk hinfällig. Alle großen politischen und gewerkschaftlichen Gruppen - bis auf die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) - haben sich für die Annahme der Vereinbarung ausgesprochen. Ein SVP-Plakat mit drei grimmig dreinschauenden schwarzen Raben, die die Schweiz anpicken, hat sogar zum Protest Rumäniens geführt. Warnung vor Kriminellen Noch vor einem Jahr hätte die Vorlage wohl mühelos die Abstimmung passiert, doch in der derzeitigen Wirtschaftskrise droht sich der Wind zu drehen. Dass etwa die Deutschen den Schweizer Arbeitsmarkt vor allem in den grenznahen Kantonen wie St. Gallen und Zürich überschwemmen, stößt auf Unmut. Die Warnung der SVP, dass mit Rumänen und Bulgaren viele Kriminelle in die Schweiz kämen, ganz abgesehen davon, dass Konkurrenz für die knapper werdenden Arbeitsplätze erwachse, trifft auf aufmerksame Ohren. Dabei hat die jetzige Freizügigkeit für die Bewohner der 25 EU-Staaten der Schweiz wegen der hier fehlenden Fachkräfte zu einer Art Konjunkturprogramm verholfen; der Anstieg der Wirtschaftsleistung in den vergangenen Jahren ist zum gewichtigen Teil darauf zurückzuführen. Das Gesundheitswesen der Schweiz etwa würde ohne diese Kräfte zusammenbrechen. Aber auch die Schweizer können sich in der EU frei bewegen und niederlassen. Für den tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg, der auch einen Schweizer Pass hat und dessen Land derzeit den EU-Ratsvorsitz hält, wäre ein Nein der Schweizer "schlicht und einfach eine Katastrophe". Es wäre eine Illusion, wenn man glaubt, die Schweiz könnte mit den übrigen EU-Staaten bestimmte Beziehungen pflegen, aber nicht mit zwei Mitgliedstaaten, sagte er in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung".