Das deutliche "Ja" der wahlberechtigten Deutschtürken zum Machtausbau des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist vielen ein Rätsel. Schon ist von verfehlter Integration die Rede, wird nach Konsequenzen gerufen. Ob jemand beim Referendum mit "Ja" oder "Nein" votiere, habe aber "nichts mit dem Stand der Integration zu tun", sagt Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen. Statt das "Ja"-Lager zu verurteilen, sollten deutsche Politik und Gesellschaft sich stärker mit dieser Gruppe befassen. "Die Botschaft muss sein: Ihr gehört zu uns, auch wenn ihr nicht Mesut Özil seid."

Konkret solle das Kommunalwahlrecht ausgeweitet und die Debatte um ein Aus oder eine Einschränkung des Doppelpasses beendet werden, rät Experte Ulusoy. Unter den Türkeistämmigen in Deutschland gebe es traditionell ein hohes konservatives, AKP-nahes Wählerpotenzial - vor allem in Nordrhein-Westfalen. In den 1960er-Jahren habe man Arbeiter aus der Türkei - "oft einfach strukturiert, religiös, konservativ" - nach NRW als "Kernland der türkischen Migration" geholt, vor allem ins Ruhrgebiet.

Ein Erkläransatz dafür, dass die Zustimmung in NRW für das umstrittene Referendum viel höher ausfiel als in Berlin. In Deutschland sagten gut 63 Prozent "Ja". In Berlin waren es 50,1 Prozent Zustimmung, in NRW deutlich mehr - etwa im Wahlbezirk Essen 75,9 Prozent. In der Türkei selbst hatten 51,4 Prozent für die Verfassungsänderung gestimmt.

In Berlin habe es eine "sehr laute Nein-Sager-Kampagne" gegeben, schildert Dietmar Molthagen von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dort sei zudem ein vergleichsweise höherer Anteil der Türkeistämmigen "tiefer verwurzelt". Und: "Meine These ist, dass die Ja-Stimmen vor allem von Wählern kommen, die sich eher am Rande der Gesellschaft aufhalten." Es sei zudem kein Zufall, dass Erdogan mehrfach nach NRW gekommen sei, sagt der Integrationsexperte. Dieser habe hier seine "Homebase" - mit der Türkisch-Islamischen Union Ditib (Köln) oder der Organisation UETD - dem verlängerten Arm seiner islamisch-konservativen Partei AKP. Die frühere SPD-Integrationspolitikerin Lale Akgün stellt klar, dass keinesfalls die Mehrheit der rund drei Millionen Türkeistämmigen in Deutschland für Erdogans Machtausbau sei. Eine solche Pauschalierung sei völlig falsch. "Rechnet man es herunter, haben nur 15 Prozent für das Referendum gestimmt." Denn bei Weitem nicht alle unter den drei Millionen sind wahlberechtigt oder zur Wahl gegangen.

Die "Ja"-Wähler solle man nicht als Opfer einer gescheiterten Integrationspolitik sehen, mahnt sie. Es brauche "mehr Wir-Gefühl auf beiden Seiten". Also auch: Wer nach Deutschland komme, müsse sich "öffnen und auf die Gesellschaft einlassen".

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde fordert Nachbesserungen bei der Integration. Viele Wähler wollten mit ihrem "Evet" (Ja) auch Protest bekunden, fühlten sich ausgegrenzt oder diskriminiert, sagt Gökay Sofuoglu dem Südwestrundfunk. Den Menschen müsse ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl vermittelt werden, hatte er zuvor schon appelliert. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sorgt sich um eine Spaltung der türkischen Community und sieht den Integrationsprozess belastet.

Der Berliner Wahlforscher Joachim Schulte sieht das Votum nicht als Beleg für eine gescheiterte Integration. "Das Ergebnis gibt aber einen Hinweis, in welche Richtung einige Deutschtürken denken", meint der Geschäftsführer des deutsch-türkischen Meinungsforschungsinstituts Data 4U. "Wir beobachten in den letzten Jahren, dass sich Türken hier mehr in ihre Community zurückziehen und auf ihr Heimatland orientieren." Sein Rat: Stärker gegen "Ghettoisierung" in manchen Städten vorgehen, mehr deutsch-türkische Medienangebote und noch mehr Dialog.

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Vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments kann Erdogan mindestens bis zum 19. Juli weiter per Dekret regieren. Die Versammlungsrechte bleiben eingeschränkt. Dennoch demonstrierten am Montagabend einige Tausend Menschen in Istanbul und anderen Städten gegen Erdogan. Anwohner brachten ihren Protest durch Schlagen auf Kochtöpfe zum Ausdruck. Nach Angaben der Zeitung "Hürriyet" wurden in Izmir, Antalya und Eskisehir insgesamt 43 Demonstranten festgenommen. Die größte Oppositionspartei CHP beantragte am Dienstag bei der Wahlkommission offiziell die Annullierung des Referendums. Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu zweifelte erneut die Legitimität des Referendums an und übte scharfe Kritik an der Wahlkommission. "Dieses Referendum ist suspekt", sagte er am Dienstag bei der Fraktionssitzung seiner Partei im Parlament in Ankara. Zudem habe die Wahlkommission "gegen das Gesetz verstoßen". Kilicdaroglu sagte, der Antrag auf Annullierung des Referendums werde für die "Ehre" von Millionen Bürgern eingebracht, die für "Nein" gestimmt hätten. Experten räumen dem Antrag kaum Aussichten auf Erfolg ein.