Peer Steinbrück muss nicht klingeln. Zum Hausbesuch stehen die Türen des Seniorenpflegeheims "Eichenhof" im brandenburgischen Panketal bei Berlin für den SPD-Kanzlerkandidaten weit offen. Von dem prominenten Gast, der über eine Million Euro mit Vortragshonoraren verdiente und einst als Bundesfinanzminister Milliarden-Etats verantwortete, lassen sich die Bewohner aber nicht aus dem Alltagstrott bringen. Wichtiger ist es, den Termin beim Heimfriseur einzuhalten. Steinbrück arbeitet in der Provinz an seinem Image als Wahlkämpfer für die soziale Gerechtigkeit.

Doch dann stolpert Peer Steinbrück plötzlich mal wieder über seine Worte. In die scheinbare Normalität des Wahlkampfes platzen neue Unannehmlichkeiten. Es ist der zweite Tag seiner Brandenburg-Tour, die den Auftakt einer Reise durch alle 16 Bundesländer bildet. Am Dienstagabend in Potsdam hatte Steinbrück nicht nur über Mindestlöhne, Mietbremsen und das Wirrwarr bei der Mehrwertsteuer mit Bürgern diskutiert, sondern sich auch auf das rutschige Parkett der internationalen Politik locken lassen. "Bis zu einem gewissen Grad bin ich entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben", kommentierte er den Wahlausgang in Italien.

Der SPD-Kanzlerkandidat spielte auf das Abschneiden des Frontmannes der Protestbewegung 5 Sterne, Beppe Grillo, an. Und auf den früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dem er einen besonderen "Testosteron-Schub" attestiert. So wie die Schweiz einst über die "Kavallerie"-Äußerungen nicht besonders amüsiert war, gibt es nun gleich vom italienischen Staatsoberhaupt eine deutliche Reaktion. Präsident Giorgio Napolitano sagt kurzerhand ein für den Abend geplantes Treffen mit Steinbrück im Berliner Hotel Adlon ab.

Steinbrücks Markenzeichen "klare Kante" steht einerseits für Authentizität im oft glatt geschliffenen Berliner Polit-Sprechweise. Sein lockeres Mundwerk ist gefürchtet - besonders bei der SPD selbst, wenn das Gesagte wieder mühsam eingesammelt werden muss. Etwa bei den Aussagen zur Angemessenheit des Kanzlergehalts, wobei hier auch manches zugespitzt wurde. Doch die Frage stellt sich: Findet Steinbrück die Balance, um nicht alle paar Wochen neue Debatten auszulösen - denn eigentlich geht es ihm hier im Panketal um etwas anderes.

"Wahlkampf von unten" lautet die Devise der Sozialdemokraten. Bis zu fünf Millionen Hausbesuche wollen sie bis zur Bundestagswahl am 22. September absolvieren. In die Wohnzimmer und auf die Sofas von der Nordsee bis nach Bayern soll es gehen. Die meisten Treffen werden ganz privat ohne Presse ablaufen.

Gespräche frei von der Leber weg sollen möglich sein. Ganz nach dem Geschmack Steinbrücks, der es liebt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. In Brandenburg bricht Steinbrück eine Lanze für Pflegekräfte und fordert mehr Anerkennung für den Berufsstand. Und lässt eine private Seite erkennen - seine pflegebedürftige Mutter lebte bis zum Tode in einem Hamburger Heim.

"Ich kenne mich mit Pflege aus", betont er. Der "Eichenhof"-Hausherr Burchard Führer betont: "Jede Arzthelferin erhält mehr Wertschätzung als eine ausgebildete Pflegekraft." Führer beschreibt, wie schwer es sei, Schulabgänger dafür zu begeistern. "Nur wenige können sich vorstellen, in die Pflege zu gehen", sagt er. "Aber zum Berufsbild gehört mehr als den Hintern abzuwischen und hinter alten, dementen Leuten herzurennen."

Steinbrück nimmt das alles mit auf seine Reise. Er ist mit einem "Antennen-Apparat" unterwegs, wie er es nennt. Er will vor der Wahl erfahren, was den Menschen unter den Nägeln brennt. Und - Italien hin oder her - weiter "klare Kante" zeigen.

"Klartext mit Peer Steinbrück" hieß entsprechend auch die nun in Italien heiß diskutierte Veranstaltung in Potsdam. Im Willy-Brandt-Haus ist man nach der Gesprächsabsage des italienischen Staatspräsidenten umgehend bemüht, die Wogen zu glätten und Steinbrück beizuspringen. So lässt Generalsekretärin Andrea Nahles verlauten: "Clown ist das mildeste, was mir persönlich zu Berlusconi einfällt."