Der Plan von Rot-Grün in Niedersachsen, mittelfristig das Sitzenbleiben abzuschaffen, hat die Debatte über den Umgang mit leistungsschwachen Schülern neu angefacht. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh (SPD), begrüßte das Konzept und verlangte mehr individuelle Förderung für Schulkinder. Mehrere Landesregierungen bereiten ähnliche Reformen vor.

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagte dagegen: "Das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus." Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) stellte klar, dass Rot-Grün das Sitzenbleiben nicht sofort und für alle Schulen abschaffen will. "Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann", sagte sie. SPD und Grüne haben in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel festgeschrieben, "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig (zu) machen". Heiligenstadt verwies auf die guten Erfahrungen, die man mit dem Verzicht aufs Durchfallen an integrierten Gesamtschulen gemacht habe: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt", sagte sie. "Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können."

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Ländern entschieden, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise für bestimmte Jahrgangsstufen oder Schulformen zu streichen. In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben zurzeit in den Klassen 1 bis 9 abgeschafft, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte: "Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine 5 in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme." Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen. "Das ist im Koalitionsvertrag festgeschrieben", sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle. In Berlin müssen nur Gymnasiasten und – im Ausnahmefall – Grundschüler befürchten, eine Klasse wiederholen zu müssen.

In der kürzlich von Grün-Rot in Baden-Württemberg eingeführten Gemeinschaftsschule können die Kinder schon heute nicht mehr durchfallen. Das wolle er Schritt für Schritt auch an den anderen Schulen durchsetzen, sagte der Stuttgarter Kultusminister An-dreas Stoch (SPD). "Die Angst vor dem Sitzenbleiben ist keine sinnvolle Lernmotivation für die Schülerinnen und Schüler."

In Bayern drehten im vergangenen Schuljahr 2,3 Prozent der Gymnasiasten, 2,6 Prozent der Realschüler und 1,1 Prozent der Mittelschüler eine "Ehrenrunde". Kultusminister Ludwig Spaenle kritisierte die Pläne Niedersachsens: "Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, sagte dem Blatt: "Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer, man ist ein naiver Utopist." Schulabschlüsse würden damit zu ungedeckten Schecks. "Da kann man gleich eine Abitur-Vollkasko-Garantie anbieten."

Zum Thema:
In Niedersachsen hat Rot-Grün die letzte Hürde vor der geplanten Regierungsübernahme am Dienstag genommen. Am Samstagabend stimmte auch die Basis der Grünen dem Koalitionsvertrag mit der SPD zu. Bei einem Parteitag in Hannover gab es keine Gegenstimmen oder Enthaltungen.