ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:42 Uhr

Ist das vor der Frauenkirche Kunst oder ein Haufen Schrott?

Oberbürgermeister Dirk Hilbert spricht vor dem "Monument".
Oberbürgermeister Dirk Hilbert spricht vor dem "Monument". FOTO: dpa
Dresden. Dresdens Image hat durch Pegida stark gelitten. Ausländer fühlen sich nicht mehr sicher, Touristen bleiben aus. Das Gedenken an die Bombennacht vor 72 Jahren ist da ein Balanceakt. Christine Keilholz / ckz1

Die Szene am Dienstag auf dem Neumarkt sagt kurz und drastisch alles aus, was über die Stimmung in der Stadt zu sagen ist. Ein Grüppchen Leute stand dort und schrie wieder einmal "Volksverräter". Ziel des Unmuts war eine kleine Veranstaltung auf dem Platz, wo Politiker zusammengekommen waren, um eine Kunstinstallation zu eröffnen. Dann löste sich ein Politiker aus seiner Gruppe und ging einfach rüber zu den Brüllern, um sie zu fragen, was sie eigentlich wollen. "Ich rede nicht mit Ihnen", brüllte eine Frau zurück. Martin Dulig, SPD-Landeschef und Wirtschaftsminister, ist der Charmebolzen der sächsischen Regierung - aber hier kam er nicht an. "Warum wollen Sie nicht mit mir reden", fragte er mehrmals in die Runde der Wütenden und lächelte unentwegt. Zurück kam nur: "Weil es keinen Sinn hat." Ein Videoclip dieser Szene, sechs Minuten lang und im Netz Hunderte Male geteilt, dokumentiert den aussichtslosen Versuch der sächsischen Politik, mit dem Rest von Pegida in Dialog zu treten.

Der Rest der fremdenfeindlichen selbst ernannten Retter des Abendlands ist klein, aber erstaunlich umtriebig. Noch zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Bewegung, als sie im Januar 2015 bis zu 25 000 Leute auf die Straßen brachte, hallen die wütenden Rufe gegen vermeintliche "Lügenpresse" und "Volksvertreter" in der Stadt nach. Die montäglichen Demonstrationen von Pegida ziehen noch immer bis zu 2000 Fans an. Noch immer geht es gegen die Politik, gegen Medien und vor allem gegen den Islam. 2000 Demonstranten sind zwar nicht viel in einer wachsenden Halbmillionenstadt. Sie lassen sich inzwischen auch ignorieren.

Aber schlimmer ist die Gruppe der wütenden 100. Diese Leute, der engere Anhängerkreis von Pegida-Gründer Lutz Bachmann, taucht immer da auf, wo die Kameras stehen. Sie machen mit ihrem Geschrei jede Feier unvergnüglich. Ältere Herren sind darunter, Omas mit Strickmützen, übergewichtige Jogginghosenträger und ein paar Stiernacken. Sie brüllten vor dem Landgericht, als Bachmann dort im Mai 2016 wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Sie brüllten am Tag der deutschen Einheit genau hier, vor der Frauenkirche, als Gauck, Lammert und Roth vorbeigingen. Und sie brüllen jetzt an gegen "diesen Haufen Schrott".

Drei Busse stehen hochkant vor der Frauenkirche. Hier, in der guten Stube der Stadt, duldet der traditionsbewusste Dresdner normalerweise keine Abweichungen vom geschlossenen barocken Bild. Die Fassaden der wiederaufgebauten Häuser um diesen Platz waren ein Politikum. Um jeden Sandstein, der sich hier zeigen darf, gab es heftige kulturhistorische Debatten. Schönheit und Pomp sind hier oberste Lebensregel.

Und dann stellte sich Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) am Dienstag hin vor diese Busse und sagte: "Zugegeben, schön ist dieses Monument nicht." Es geht um etwas anderes: Um Mitgefühl mit den Opfern aktueller Kriege am 13. Februar, dem Tag, als vor 72 Jahren das stolze Elbflorenz in Schutt und Asche fiel.

Dresden ist bescheidener geworden. Der Bürgerstolz hat gelitten unter den unschönen Bildern, die die Stadt seit zwei Jahren immer wieder aussendet. Touristen bleiben fern, Ausländer fühlen sich unsicher, die Universität bangt um ihre Zukunft als attraktiver Wissenschaftsort. Wo immer es geht, will das Rathaus ein Zeichen setzen für Weltoffenheit und Toleranz. So auch mit dem umstrittenen Bus-Monument. Der Dresdner Künstler Manaf Halbouni durfte es auf Wunsch der Stadt an diesem historisch bedeutsamen Ort aufstellen. Halbouni ist Absolvent der Hochschule für bildende Künste. Er will wachrütteln und vermitteln - zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen.

Die wütenden Pegida-Anhänger wollen nicht wachgerüttelt werden. "Das hat nichts mit Dresden zu tun", muffelt ein Mann. Die Frau neben ihm findet das Mahnmal "abartig". Der lächelnde Wirtschaftsminister versucht zu erklären. Am 13. Februar gedenke man schließlich auch der Befreiung, sagt Martin Dulig. Der mufflige Mann sieht das anders: "Sie haben uns besiegt und dann haben sie uns befreit von allen anderen." Dresden ist auch die Stadt, wo sich einmal im Jahr ein deutscher Opfermythos öffentlich Raum verschafft, der den Rest des Jahres an Grillfeuern und auf Facebook vor sich hin schimpft.

Das Gedenken an die verheerenden Luftangriffe von 1945 ist jedes Jahr wieder Herausforderung für die Landeshauptstadt und den Freistaat. Jahrelang bevorzugten die Dresdner die stille Trauer. Dann kamen von Jahr zu Jahr mehr Neonazis und machten Stimmung gegen den alliierten "Bombenholocaust". Trauriger Höhepunkt war der 60. Jahrestag 2005, als 6500 Neonazis aus ganz Europa durch Dresden marschierten. Bei den zeitweise gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und den Gegendemonstranten war an stilles Gedenken nicht mehr zu denken. Die Stadt etablierte ruhige Protestformen wie Mahnwachen und die Menschenkette, die die Altstadt vor den Rechten schützen soll. Mit Erfolg, denn die letzten Jahre über ließen sich kaum noch Rechtsextreme blicken. Angemeldete Aufmärsche fanden nicht statt, mangels Personal.

Zu verdanken ist dies auch einer breiten Unterstützung aus der ganzen Republik. Der 13. Februar in Dresden ist inzwischen eine Art Jahrmarkt für bunteste Vögel und Bündnisse, die den Braunen eine Nase drehen wollen. Da rollen evangelische Jugendliche ihre Banner aus neben der Antifa, die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands verteilt Handzettel, die Prinzen singen, sogar Roland Kaiser wird gelegentlich gesehen. Dresden hat das Gedenken an das Unfassbare auf ein Normalmaß gebracht.

Zum Thema:
Der Cottbuser Aufbruch und "Cottbus Nazifrei!" rufen für den 15. Februar wieder alle Bürger der Stadt dazu auf, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass Neonazis in Cottbus unerwünscht sind. Mit der Aktion am Jahrestag des Angriffs alliierter Bomber auf Cottbus wollen die Teilnehmer der Aktion ein Zeichen für Toleranz und Demokratie setzen.Der NPD-Kreisverband hingegen hat seine ursprüngliche Anmeldung einer Demonstration für den gleichen Tag zurückgezogen.