Israel wolle so verhindern, dass die internationale Unterstützung für seine Politik leide. Olmert betonte gleichzeitig, Hamas sei verantwortlich für den Anschlag in Tel Aviv mit zehn Todesopfern. Die palästinensische Regierung werde "sich vor dieser Verantwortung nicht drücken" können

Stattdessen will Israel palästinensischen Ministern und Abgeordneten der radikal-islamischen Hamas-Bewegung, die in Ost-Jerusalem leben, die israelische Staatsbürgerschaft entziehen. Nach Rundfunkangaben sind davon drei Hamas-Politiker betroffen, darunter das ranghohe Organisationsmitglied Mohammed Abu Tir. Der israelische Staatsbürger war in den letzten Wochen mehrmals bei dem Versuch festgenommen worden, von Ost-Jerusalem ins Westjordanland zu reisen.

Gestern Nacht zerstörte die israelische Luftwaffe mit einer Rakete eine Metallwerkstatt in Gaza. Dort sollen palästinensische Kassam-Raketen gebaut worden sein. Nach Augenzeugenberichten wurde niemand verletzt.

UN-Generalsekretär Kofi Annan bat das Nahostquartett zu Beratungen nach New York. Das Treffen zwischen den USA, Russland, den Vereinten Nationen und der EU soll am 9. Mai stattfinden, sagte Annan gestern. Er erwarte, dass auch Vertreter Israels und der Palästinenser zu dem Treffen eingeladen werden.

Bei dem ersten schweren Selbstmordanschlag in Israel seit der Regierungsübernahme durch die radikal-islamische Hamas in den Palästinensergebieten sind am Ostermontag zehn Menschen getötet worden. Der palästinensische Selbstmordattentäter hatte sich an einem Schnellimbiss in Tel Aviv in die Luft gesprengt und neun Menschen mit in den Tod gerissen. Die Hamas bezeichnete den Anschlag als "Selbstverteidigung".

Israelische Medien berichteten, mehr als 60 weitere Menschen seien bei dem Anschlag verletzt worden, einige davon schwer. Olmert sprach von einem "sehr schlimmen Vorfall", auf den Israel angemessen reagieren werde. Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri sagte in Gaza, solche Anschläge seien Widerstand gegen die israelische Besatzung und gehörten zum Recht des palästinensischen Volkes. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte die Tat hingegen als Terror.

Die US-Regierung verurteilte den Selbstmordanschlag scharf. Der Anschlag sei eine "verabscheuungswürdige Tat, für die es keine Entschuldigung oder Rechtfertigung geben kann", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan. Auch Annan äußerte sich entsetzt. "Ich appelliere an die palästinensischen Behörden, unmissverständlich gegen eine solche durch nichts zu rechtfertigende Tat Stellung zu beziehen". Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rief die neue palästinensische Regierung nachdrücklich dazu auf, ihren internationalen Verpflichtungen nachzukommen, "terroristische Gruppen zu entwaffnen und terroristische Infrastruktur zu zerstören". Steinmeier rief alle Seiten zur "Mäßigung" auf. "Das Kalkül der Terroristen darf nicht aufgehen."

Der Anschlag ereignete sich nur Stunden vor Beginn der ersten Sitzung des neuen Parlaments in Jerusalem. Ehud Olmert war am Samstagabend offiziell Ministerpräsident geworden, nachdem der seit mehr als drei Monaten im Koma liegende Ariel Scharon (78) für amtsunfähig erklärt worden war

Die Zeitung "Sud-Ouest" aus dem südwestfranzösischen Bordeaux schreibt zu dem jüngsten Selbstmordanschlag von Tel Aviv: "Diese Politik des Schlimmsten, die gestern vom Präsidenten Abbas verurteilt, von der Hamas hingegen als 'natürlich Folge der israelischen Agression' dargestellt wurde, könnte zu einer beschleunigten Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Fatah und der Hamas führen. Deren Koexistenz an der Macht wird ohnehin immer konfliktbeladener und sie ist sicherlich dazu verurteilt, früher oder später ganz zu zerplatzen. Die Rückkehr zur Gewalt könnte auch vom Iran unterstützt werden, dessen Präsident wieder mal durch seinem Hass auf Israel aufgefallen ist".

Zum Verhalten der Hamas nach dem Terroranschlag in Tel Aviv schreibt die konservative britische Zeitung "The Daily Telegraph" am Dienstag: "Warum beeilte sich ein Sprecher der Hamas, die doch mehr als ein Jahr lang eine Waffenruhe mit Israel eingehalten hat, den Bombenanschlag als eine Tat zu verteidigen, zu der die Palästinenser" jedes Recht" gehabt hätten. Die bedrückendste, aber zugleich wahrscheinlichste Erklärung ist, dass sie die Entfremdung eines bedeutenden Teils der palästinensischen öffentlichen Meinung fürchtet - nämlich gerade jene Menschen, die Hamas überhaupt erst an die Macht gebracht haben. Nach dem Hamas-Sieg hatten viele westliche Kommentatoren sich darin überboten, zu betonen, dass dies viel mehr eine Entscheidung gegen die Korruption im Stil Arafats war, als eine Befürwortung der Sponsoren von Selbstmordanschlägen. Diese Analyse überzeugt aber von Tag zu Tag weniger."

Der Bombenschlag in Tel Aviv bestätigt nach Ansicht der linksliberalen britischen Zeitung "The Independent", dass es keinen wirklichen Friedensprozess im Nahen Osten gibt. Das Blatt kommentierte am Dienstag: "Die brutale Wahrheit im Nahen Osten ist diese: Wenn es ein politisches Vakuum gibt, wird es von den Männern (und Frauen) der Gewalt gefüllt. ... Und es gibt ein abgrundtiefes politisches Vakuum im Herzen dieser Region, seit Wahlen in Palästina die Hamas und in Israel die Minderheitsregierung der Kadima unter Ehud Olmert an die Macht brachten. Es macht keinen Sinn, von einer Stagnation des Friedensprozesses zu reden. Es gibt keinen Friedensprozess. Olmert, der damit zu tun hat, eine Koalitionsregierung aufzustellen, weigert sich, mit Hamas und sogar mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas zu reden. Und die Hamas, die seit der Sperre von EU-Mitteln mit einer Finanzierungskrise fertig werden muss, weigert sich, ihre Haltung hinsichtlich des Existenzrechtes Israels zu ändern."

Hintergrund: Die Hamas im Wandel

Ende 1987 bildete sich die Hamas als militanter Ableger der palästinensischen Muslimbruderschaft. Verschiedene Hamas-Organisationen haben sowohl politische als auch Mittel der Gewalt, einschließlich des Terrorismus, angewandt, um ihre Ziele zu erreichen. Die Hamas ist lose in Organisationen strukturiert, die sowohl im Geheimen als auch öffentlich in Moscheen und sozialen Hilfseinrichtungen arbeiten, um Mitglieder zu werben und Gelder zu sammeln, Aktivitäten zu organisieren und Propagandamaterial zu verteilen.

Besonders unter Palästinensern, die im Gazastreifen leben, erfreut sich die Hamas großer Beliebtheit. Aber auch in der Westbank und - in geringerem Maße - in anderen Staaten des Nahen Ostens (einschließlich Israels) findet sie Unterstützer. Diese Beliebtheit liegt einerseits in ihrem bewaffneten Kampf, andererseits in ihren wohltätigen Aktionen zugunsten der palästinensischen Bevölkerung begründet.

Die Hamas verwendet Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten als eines der Mittel ihrer Asymmetrischen Kriegsführung gegen Israel. Aufgrund ihrer terroristischen Aktionen wurden die Führer der Hamas oftmals Opfer gezielter Tötungen durch den israelischen Staat, der die Politik gezielter Exekutionen seit 2004 verfolgt.

Zur Erfüllung ihrer Ziele betätigt sich die Hamas besonders in jüngerer Zeit auch auf politischem Gebiet. So hat sie an den Wahlen am 25. Januar 2006 teilgenommen, bei denen sie auf Anhieb die absolute Mehrheit der Mandate erhielt.