Es ist ein brutales Machtgebaren, mit dem sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) inszeniert. Am Sonntag tauchte ein neues Propagandavideo im Internet auf. Es zeigt zunächst die Enthauptung syrischer Soldaten. Dann verkündet ein vermummter Dschihadist mit britischem Akzent und in englischer Sprache, dass dem verschleppten US-Entwicklungshelfer und früheren Elitesoldaten Peter Kassig dasselbe widerfahren sei. Am Sonntagabend bestätigten die USA die Echtheit des Videos.

Der 26-jährige US-Bürger hatte sich zum Zeitpunkt seiner Entführung am 1. Oktober 2013 an Hilfsprojekten für Syrien beteiligt. Nach Informationen des Nachrichtensenders CNN war er während seiner Gefangenschaft zum Islam übergetreten. Seine Eltern baten am Sonntag über den Kurznachrichtendienst Twitter alle Medien, keine Fotos oder Videos der Geiselnehmer zu veröffentlichen, da dies den Entführern in die Hände spiele. "Wir ziehen es vor, wenn an die wichtige Arbeit unseres Sohnes erinnert wird, an die Liebe, die er mit Freunden und Familie teilt." Die Veröffentlichungen der Geiselnehmer hingegen seien zur Manipulation der Amerikaner gedacht und zur Förderung der Ziele der Entführer.

Es ist neben den militärischen Erfolgen vor allem solche Propaganda, mit der die Dschihadisten weltweit um Anhänger werben. Vor zwei Wochen bescheinigten die Vereinten Nationen dem IS einen nie dagewesenen Zulauf von Kämpfern aus dem Ausland. Von 15 000 Personen aus anderen Ländern war die Rede, die sich dem IS oder anderen Extremisten im Irak und in Syrien angeschlossen hätten. Dem Verfassungsschutz zufolge sind bisher nachweislich 450 junge Menschen aus Deutschland in die Unruheregion gezogen. Eine unabhängige Untersuchungskommission stellte in einem Bericht für den UN-Menschenrechtsrat fest, dass viele der neuen Unterstützer von den verbreiteten Bildern von Hinrichtungen, Enthauptungen und Steinigungen beeinflusst worden seien.

Der IS wollte von Anfang an keine Kaderorganisation sein, sondern hat die Gründung eines Staates und die Werbung möglichst vieler Mitglieder schon lange geplant. Die Dschihadisten nutzten den Bürgerkrieg in Syrien und die Unruhen im Irak aus, um ihre Macht zu vergrößern. Während alle anderen bewaffneten Gruppen gegen die jeweiligen Regierungen in Damaskus und Bagdad kämpften, machten sie sich an den Aufbau des "Kalifats".

Im Expertenbericht für den UN-Menschenrechtsrat heißt es, die Bildung eines Staatswesens sei für die Dschihadisten Priorität gewesen. Dafür hätten die Dschihadisten Andersdenkende systematisch unterdrückt, lokale Führer ins Visier genommen und bewaffnete Kämpfe mit anderen, teils ebenfalls radikal-islamischen Gruppen provoziert. In ihren Hochburgen habe die Gruppe ihre militärische Kontrolle und Kapitalkraft gefestigt. Wirklich stark wurde die IS-Miliz nach Eroberung der Millionenstadt Mossul am 10. Juni und zu Zeiten der Gründung des "Kalifats" in eroberten Gebieten in Syrien und im Irak etwa zwei Wochen später. Die Gruppe hat auch mehr und mehr Öl- und Gasfelder unter ihre Kontrolle gebracht. Das Verwaltungssystem der Extremisten - etwa in der Hochburg Al-Rakka -beschreiben die UN-Rechercheure als primitiv, aber rigide.

Im aktuellen Video reagieren die Dschihadisten womöglich auf die US-Pläne, eine neue Phase zur Niederschlagung der IS-Miliz einzuleiten. Ein vermummter Dschihadist richtet eine Botschaft an US-Präsident Barak Obama, in der er sagt, dass Kassig US-Soldat gewesen sei und den US-Truppen Ähnliches widerfahren werde.

Zuvor hatten die Extremisten die Amerikaner Jim Foley und Steven Sotloff sowie die Briten David Haines und Alan Henning ermordet. Foley war im August knapp zwei Wochen nach Beginn der von den USA angeführten internationalen Luftschläge gegen den IS im Irak getötet worden.