Als die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram vor wenigen Tagen bekanntgab, dem Islamischen Staat (IS) die Treue schwören zu wollen, kam dies für Experten nicht ganz überraschend - trotz der geografischen Entfernung zu Syrien und zum Irak. Doch jetzt gibt es auch in der somalischen Al-Shabaab-Miliz Diskussionen über einen möglichen Beitritt. Das würde nicht nur den Einfluss und die Macht der berüchtigten Islamistengruppe deutlich stärken, sondern dem IS - der den Treueschwur der Boko Haram mittlerweile akzeptiert hat - nach dem Westen nun auch den Osten des afrikanischen Kontinents für sein totalitäres Projekt öffnen. Allerdings gibt es innerhalb der Miliz viele Gegner der Pläne.

"Es gab Debatten unter unseren Top-Kommandeuren darüber, ob wir dem IS beitreten oder unter der Führung von Al-Kaida bleiben", sagte ein ranghohes Al-Shabaab-Mitglied, das anonym bleiben wollte, der Deutschen Presse-Agentur. Die Gruppe war 2012 unter der Führung von Ahmed Abdi Godane dem Terrornetzwerk beigetreten. Seit Godane im vergangenen Jahr bei einem US-Drohnenangriff im Süden Somalias ums Leben gekommen war gilt Ahmed Omar Abu Ubayda als Chef der Miliz - und vor allem er drängt in Richtung IS.

"Wir sind an einem toten Punkt angekommen, weil Abu Ubayda alles tut, um sich mit dem IS zu verbrüdern und andere einflussreiche Kommandeure - darunter vor allem Mahad Karate - weiter zu Al-Kaida gehören wollen", erklärte die Al-Shabaab-Quelle. Auch das letzte Treffen zum Thema sei im Streit geendet. Dennoch habe es bereits Telefonate zwischen dem somalischen Terrorchef und Mitgliedern des Schura Rates - eines beratenden Gremiums des IS - über eine eventuelle Zusammenarbeit gegeben.

Beobachter halten einen Übertritt zum IS nicht für ausgeschlossen. "Ich wäre nicht überrascht, wenn es zu einem solchen Zusammenschluss kommen sollte", sagt der politische Analyst Mohamed Sheikh Mohamud. "Al-Shabaab hat durch den Beitritt zu Al-Kaida kaum etwas dazugewonnen - außer vielleicht einen höheren Bekanntheitsgrad. Aber das hat die Situation vor Ort nicht verbessert, die sich nicht sehr gut für die Gruppe darstellt." Ein Beitritt zum IS könne hingegen verheerende Auswirkungen auf Somalia und die ganze Region haben.

Seit Jahren muss die Al-Shabaab immer neue Verluste im Kampf gegen die somalische Armee und Truppen der Afrikanischen Union (AMISOM) hinnehmen. Bereits 2011 wurden die Islamisten weitgehend aus der Hauptstadt Mogadischu vertrieben. Im Zentrum und Süden des Landes beherrschen sie hingegen noch weite Gebiete, wo sie eine strenge Auslegung des islamischen Rechts Scharia durchsetzen.

Aber auch aus der strategisch wichtigen Hafenstadt Kismayo konnte das Militär die Dschihadisten 2012 zurückdrängen, und erst Anfang der Woche eroberten die Streitkräfte den Bezirk Masjid Ali Gadud, durch den eine wichtige Transitstrecke verläuft.

Gleichzeitig hat die Al-Shabaab ihren blutigen Feldzug auf das Nachbarland Kenia ausgeweitet - als Rache dafür, dass Nairobi Truppen in Somalia stationiert hat. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Angriffe und Anschläge, darunter auch auf das beliebte Einkaufszentrum Westgate, wo mehr als 70 Menschen starben.

"Der IS scheint sein Dschihad-Projekt schneller in der islamischen Welt zu verbreiten als Al-Kaida", so Mohamud. "Er begeistert viele Jugendliche aus der ganzen Welt - und genau das braucht Al-Shabaab jetzt. Die Miliz braucht neue Kämpfer aus dem Nahen Osten und frische Geldmittel."

Es handele sich um einen regelrechten Machtkampf innerhalb der Gruppe, sagt der Sicherheitsbeamte Mohamed Hassan. "Wir haben Informationen, dass es ständig Diskussionen und Streitigkeiten über die Frage gibt. Wir wollen aber erst einmal abwarten, was die Gruppe letztlich bezüglich des IS entscheiden wird." Das könne aber noch eine ganze Zeit dauern. Eins sei derweil bereits sicher, erklärt Analyst Mohamud: "Wenn sich die beiden Gruppen zusammenschließen, dann wird die Al-Shabaab zu einer weit größeren Bedrohung für Somalia und die Nachbarländer als bisher."