Die Präsentation hat heftige Reaktionen vor allem aus Polen hervorgerufen, während wiederum die deutschen Unterstützer des Anliegens der Vertriebenenverbände ihrerseits diese Aufregung nicht verstehen.

Überblick in neun Kapiteln
Zentraler, wichtigster Bestandteil der Ausstellung ist ein chronologischer Überblick in neun Kapiteln zu dem, was die Ausstellung "Erzwungene Wege" im vergangenen Jahrhundert auf unserem Kontinent nennt. Dazu zählen unter anderem die Zwangsumsiedlungen infolge der griechisch-türkischen Auseinandersetzungen oder die zynisch als "ethnische Säuberungen" deklarierten Vertreibungen während der Balkankriege der neunziger Jahre. Die Brisanz des Unternehmens allerdings liegt anderswo, in den restlichen vier Bereichen. Die Ausstellung umschreibt sie als den Völkermord an den Armeniern, die Vertreibung der Juden als "Baustein" des Holocaust, die Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen der Polen, Balten und Ukrainer und schließlich die Vertreibung und Verschleppung der Deutschen.
Nun sind diese geschichtlichen Episoden, die in der Ausstellung in etwa gleichrangig behandelt werden, in ihrer tatsächlichen Bedeutung doch sehr unterschiedlich. Die Vertreibung der Italiener aus Istrien in den zwei Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die etwa 300 000 Menschen erdulden mussten, steht in Berlin nun in einer Reihe zu der Zwangsumsiedlung von Millionen von Deutschen, bei denen wiederum nicht klar unterschieden wird zwischen der Flucht vor Kriegsende und der Vertreibung im Frieden.
Es wird auch nicht klar abgegrenzt zwischen dem Verlust der Heimat und der gewollten Auslöschung von Völkern. So taucht denn auch neben den Zwangsmaßnahmen gegen die griechischen Zyprioten, die nach dem Zahlenmaterial der Ausstellungsmacher etwa 3000 Menschen das Leben kosteten, der türkische Völkermord an den Armeniern auf, die tatsächlich nicht etwa vertrieben, sondern zu Hunderttausenden bewusst in den Tod getrieben wurden. Es sind sehr unterschiedliche Wege, die da erzwungen wurden.
So sehr sich die Ausstellung um korrekte Zahlen und unwiderlegbare Fakten bemüht, so sehr verstrickt sie sich aber dann dabei, diese europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen. Als beispielhaftes Schicksal eines europä ischen Juden dieser Zeit wird eine Biographie geschildert, die in der Emigration in den USA endet. Diese Flucht aber wird angesichts des Holocaust von dem Betroffenen sicher als großer Glücksfall begriffen. Dabei hat dieser eine, glückliche Jude ungleich mehr an Heimat verloren jenseits des Atlantiks als die zahlreichen Deutschen, die oft nur wenige hundert Kilometer weiter und immer noch unter Landsleuten von vorne anfangen mussten. Es wirft dann doch Fragen auf, wenn ausgerechnet in Berlin solch ein Überlebender als typisch für die große Tragödie der osteuropäischen Judenheit vorgestellt wird, die mit dem millionenfachen Mord im Namen Deutschlands faktisch ausgelöscht wurde.
Was die polnischen Nachbarn betrifft, so verschweigt die Ausstellung nichts und stellt doch wiederum auch nichts klar. Es wird in Umrissen deutlich, was Polen zugedacht war von den Nationalsozialisten und von der von Stalin beherrschten Sowjetunion.
Eine polnische Nation hätte es nach Hitlers Vorstellungen nicht mehr gegeben. In ausgewählten Gebieten wurden zunächst alle Juden, dann die gebildeten Katholiken ermordet. Wer zu alt war zum Arbeiten kam in Lager, in denen er verhungerte. Aber das ganze Ausmaß des Leids, das über unser Nachbarvolk gebracht wurde, lässt sich eben im Konzept dieser Ausstellung genau- so wenig fassen wie der Völkermord. Kein anderes Volk Europas hat so sehr gelitten, so viele Menschen verloren in den Jahren zwischen 1939 und 1945 durch ein gnadenloses Besatzungsregime. Und kein anderes der geknechteten Völker musste nun wiederum hinnehmen, dass es, wiewohl doch Siegernation, vom mächtigen Nachbarn Sowjetunion kurzer- hand weiter Teile seines Territoriums beraubt wurde. Die polnische Tragödie lässt sich bestenfalls erahnen in dieser Ausstellung mit ihrem Fokus auf die Vertreibungen.
Es wird sicher viele Deutsche geben, die nach dem Besuch noch einiges lernen auch über die Schuld, die Deutschland auf sich geladen hat. Dass es aber noch viel mehr, viel viel mehr zu lernen gäbe, wird schlicht ignoriert. Der Völkermord an den Juden sei nicht das Thema, heißt es auf einer der Tafeln. Die blutige, mehr als fünf Jahre dauernde deutsche Besatzungsherrschaft in Polen ist es auch nicht. Es wird auch so manchen nachdenklichen Deutschen geben, der nach dem Besuch der Ausstellung zumindest erahnt, dass das Los der deutschen Vertriebenen wohl erträglicher gewesen sein mag als das von vielen anderen Völkern.

Unbeabsichtigter Lerneffekt
Aber dies wäre dann eher ein nicht beabsichtigter Lerneffekt in diesem Rundgang durch die europäische Geschichte, wo so vieles nebeneinander steht, das tatsächlich doch jeweils eine ganz eigene Geschichte zu erzählen hätte. Es ist eine Ausstellung der großen Gleichmacherei, die keines der Opfer verdient hat. Es ist eine aufgezwungene Europäisierung der angeblich gleichermaßen erzwungenen Wege. Nur endeten die einen im sicheren Tod und die anderen zumeist in der neuen Heimat mit Lastenausgleich und Trachtentreffen.
Dass die Vertreibung dennoch mit viel Leid und oft auch mit Grausamkeiten verbunden war, wissen heute viele Deutsche gar nicht mehr. Da wenigstens sorgt die Ausstellung für etwas Aufklärung.